19/05/2026
Inside Lorlatinib - Die (Ent)täuschungen Teil 4:
Platz 🥇 geht an ‘Das flexible Therapiemanagement’
oder ‘Pfizer’s Preis für die 25mg-Tabletten in Europa’
“Bei begründeter Dosisreduktion (aufgrund von Toxizität) ist nicht mit einem Wirkverlust zu rechnen.”
ist Pfizer’s Aussage auf der Folie in den Schulungsunterlagen für die europäischen Ärzte [siehe Teil 3 dieser Reihe].
Gemäß Pfizer’s Fachinformation zu Lorlatinib [1] wäre eine Dosisreduktion “begründet” nach
- jeder NW [Nebenwirkung] vom Grad 3 oder 4
- ZNS-bedingten NWen vom Grad 1 oder 2
- einer ILD/Pneumonitis vom Grad 1 oder 2.
Bei sonstigen NWen vom Grad 1 und 2, also insbesondere auch bei den Lorlatinib-spezifischen NWen ‘Ödeme’, ‘Periphere Neuropathie’ und ‘Gewichtszunahme’ wird die Verantwortung bzw. Entscheidung den Ärzten übertragen:
“Je nach klinischer Indikation unveränderte Dosis in Betracht ziehen oder die Dosis um 1 Stufe verringern.”
Nun kennen auch die Lorlatinib-NWen leider keinen Zeitplan und warten mit ihrem Auftreten nicht, bis die dem zugehörigen Patienten verschriebene Menge an Tabletten aufgebraucht ist.
Leser der ‘Geschichte der Lorla’ wissen aus Folge 17, dass Pfizer nach Präsentation der 5-Jahresratesdaten der CROWN-Studie und der damit verbundenen vermehrten Verschreibung von Lorlatinib in der Erstlinientherapie [auch deshalb] das ‘flexible Therapiemanagement’ eingeführt hat.
Pfizer propagiert das ‘flexible Therapiemanagement’, d.h. die Möglichkeit einer unverzüglichen, also TÄGLICH möglichen Anpassung der Lorlatinib-Dosis seit Anfang 2025.
Umsetzbar wurde diese Flexibilität in den USA, indem dort eine 120-Tabletten-Flasche mit 25mg-LORBRENA-Tabletten auf den Markt gebracht wurde, die zum gleichen Preis wie die 30-Tabletten-Flasche mit 100mg-Tabletten verschrieben werden konnte [Parity Pricing].
Dass es diese Möglichkeit des flexiblen Lorlatinib-Therapiemanagements, d.h. der TÄGLICH möglichen Dosisanpassung in vielen Ländern Europas de-facto immer noch NICHT bzw. nur eingeschränkt gibt, ist mein Ärgernis auf Platz🥇.
In Europa wird LORVIQUA bekanntlich nicht in Fläschchen sondern in Blisterpackungen angeboten. Neben der 30er Packung mit 100mg-Tabletten kann der Arzt hier alternativ eine 90er [teilweise auch 30er] Packung mit 25mg-Tabletten verschreiben.
Aber während z.B. in Deutschland 🇩🇪 , Polen 🇵🇱 , Österreich 🇦🇹 und der Schweiz🇨🇭
die 25mg-Tabletten zum relativ gleichen Preis wie die 100mg-Tabletten [Pricing Parity] verschrieben werden können, ist der Preis beim Kauf von 25mg-Tabletten in einigen Ländern um ca. 15-20% höher und in vielen Ländern wie z.B. auch
Großbritannien 🇬🇧 , Dänemark 🇩🇰, Schweden 🇸🇪, Norwegen 🇳🇴 Niederlande 🇳🇱 , Belgien 🇧🇪, Frankreich 🇫🇷 , Italien 🇮🇹 Spanien 🇪🇸 sogar um ~33% (‼️) höher als beim Kauf von 100mg-Tabletten [vgl. Abb. 1].
Dieses Ärgernis geht entweder zu Lasten der [bereits in Schieflage geratenen] Gesundheitssysteme oder zu Lasten der Lebensqualität von vielen [zukünftigen] Lorlatinib-Patienten.
Denn die Onkologen, die Pfizer’s Empfehlung für eine Anfangsdosis von 100mg täglich folgen [und das ist die überwiegende Mehrheit] werden in den Ländern ohne bestehendes ‘Parity Pricing’ bei Therapie-Beginn daher fast ausnahmslos die 100mg-Tabletten verschreiben.
Wenn dann die Dosis auf 75mg reduziert werden muss, was im klinischen Alltag [statt bei 23% der Lorlatinib-Patienten in der CROWN Studie] wohl bei mehr als 50% der Patienten vorkommt, dann wandern bei jedem dieser Patienten nicht eingenommene 100mg-Tabletten im Wert von bis zu mehreren Tausend Euro in den Schrank und irgendwann in den Müll!
Und in den Fällen von z.B. leichten (Grad 1) oder moderaten (Grad 2) ‘Ödemen’ oder ‘peripherer Neuropathie’, in denen der Arzt über eine Dosisreduktion bestimmen soll [1], werden wohl nur wenige Ärzte die Dosis sofort reduzieren sondern nach Möglichkeit mit einer Verschreibung der 25er-Tabletten noch solange warten, bis die aktuelle Packung mit 100mg-Tabletten aufgebraucht ist.
[“Soll die Patientin sich mal nicht so anstellen, sondern froh sein, dass sie mit einem so gut wirkenden Medikament behandelt wird!”].
Zugegeben, zur Wahrheit gehört auch folgendes:
Da alle Lorlatinib-spezifischen NWen reversibel angeblich sind, d.h. sich nach einer Dosisreduktion bessern werden und es auch kein zurück zur 100mg-Dosis geben wird, d.h. eine Re-Eskalation der Dosis auf 100mg im Therapiemanagement nicht vorgesehen ist, ist mein🥇Ärgernis für jeden Patienten ein maximal 1-maliger Vorgang. Jeder Lorlatinib-Patient muss eine unnötige Einschränkung der Lebensqualität auf unbestimmte Zeit nur 1-mal befürchten bzw. 100mg-Tabletten werden pro Patient nur 1-mal verschwendet.
Im Übrigen kennt der Autor mindestens eine Patientin persönlich, die 100mg-Tabletten auch schon mal zerteilt hat 🙈
Aus Pfizer’s Sicht ist das fehlende ‘Parity Pricing’ auch verständlich. Warum sollten sie auf Einnahmen verzichten, bloß weil sie sich bei Festlegung der Standarddosis anscheinend falsch entschieden haben?
Weshalb sie das auf ihrem größten Markt [dem US-Amerikanischen] trotzdem machen, muss dann vielleicht unter ‘Imagepflege’ verbucht werden.🤷🏻♂️
NWen, die eine Dosisreduktion ratsam machen, können jederzeit auftreten!
Deshalb sollten Lorlatinib-Patienten, die in Ländern mit ‘Parity Pricing’ therapiert werden, ihr Glück nutzen und sich die 25mg-Tabletten verschreiben lassen, auch wenn sie sich für die hohe Startdosis von 100mg entschieden haben!
Alle Patientenorganisation, die in Ländern ohne ‘Parity Pricing’ aktiv sind, sollten sich für ein ‘Parity Pricing’ in ihrem Land engagieren!
Quellen:
[1]
Pfizer Fachinformation Lorviqua, Stand April 2026
Abb. 1 : Preisvergleich zwischen 100mg- und 25mg-Tabletten
(Stand Ende April 2026)