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Lumen Circle „Ich entwickle ruhige Einschlafrituale für Kinder und Erwachsene – mit wissenschaftlichem Verständnis für S
Schlaf und erzählerischer Wärme.“

Emmas Café Der richtige KeilDer Tisch vor dem Fenster wackelte schon seit ein paar Tagen. Nicht besonders stark, aber je...
09/10/2026

Emmas Café

Der richtige Keil

Der Tisch vor dem Fenster wackelte schon seit ein paar Tagen. Nicht besonders stark, aber jedes Mal, wenn jemand eine Tasse abstellte, klapperte der Löffel auf der Untertasse.

Emma nahm die Tasse vom Tisch, ging hinein und kam mit einem Stück Pappe zurück. Sie faltete es zweimal und schob es unter einen der gusseisernen Tischfüße, der auf dem unebenen Pflaster nicht richtig auflag. Dann drückte sie prüfend auf die Tischkante. Der Tisch stand wieder fest.

Am Nachmittag setzte sich ein Stammgast an den Tisch, der das Wackeln vom Vortag noch kannte.

„Na, immer noch derselbe Tisch?“

„Natürlich.“

„Wird es nicht langsam Zeit für einen neuen?“

Emma stellte ihm seinen Kaffee hin.

„Wieso? Probier doch mal.“

Der Gast drückte vorsichtig auf die Tischkante. Nichts wackelte.

Emma sah ihn zufrieden an. „Man muss nur wissen, welche Ecke.“

Anna – Eine einzige BlumeAnna bindet nicht immer große Sträuße.Manchmal kommt jemand ins Blütenwerk und möchte nur eine ...
28/09/2026

Anna – Eine einzige Blume

Anna bindet nicht immer große Sträuße.

Manchmal kommt jemand ins Blütenwerk und möchte nur eine einzige Blume. Für die kleine Vase auf dem Küchentisch. Für einen Menschen, den man nachher besucht. Oder einfach, weil man auf dem Weg am Schaufenster vorbeigekommen ist und eine Farbe gesehen hat, die einem gefällt.

Anna fragt dann nicht, ob es einen besonderen Anlass gibt.

Sie nimmt die Blume, kürzt den Stiel und wickelt ein wenig Papier darum. Vielleicht kommt noch ein kleiner Zweig dazu. Mehr nicht.

Denn nicht jeder schöne Moment braucht einen Grund.

Und manchmal steht am Abend eine einzelne Blume auf einem Tisch und macht den Raum ein kleines bisschen freundlicher. 🌸

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Der SportteilAm Sonntagnachmittag waren auf Emmas Terrasse fast alle Tische besetzt. Herr Mertens saß unter der gelb-grü...
27/09/2026

Der Sportteil

Am Sonntagnachmittag waren auf Emmas Terrasse fast alle Tische besetzt. Herr Mertens saß unter der gelb-grünen Markise, trank Kaffee und hatte die Sonntagszeitung vor sich ausgebreitet. Weit war er mit der Lektüre noch nicht gekommen, denn immer wenn er eine Seite geglättet hatte, hob der Wind an einer anderen Stelle das Papier an.

Als Emma ihm ein Stück Pflaumenkuchen brachte, lag der Sportteil oben.

„Den brauche ich nicht“, sagte Herr Mertens.

„Den Kuchen?“

„Den Sportteil.“

Emma stellte den Teller auf die einzige freie Stelle zwischen Zeitung und Zuckerdose. Herr Mertens faltete den Sportteil zusammen und schob ihn beiseite, doch beim nächsten Windstoß klappte er wieder auf. Eine Ecke geriet in die Sahne und hinterließ dort einen schmalen grauen Strich.

„Soll ich Ihnen ein neues Stück bringen?“, fragte Emma.

Herr Mertens betrachtete den Schaden. „Wegen einer Fußballtabelle werfe ich keinen Pflaumenkuchen weg.“

Am Nebentisch stellte Frieda ihre Kaffeetasse ab, während Bruno unter ihrem Stuhl hervorkam. Ein einzelnes Blatt löste sich aus der Zeitung, rutschte über den Boden und blieb direkt vor seinen Pfoten liegen. Bruno setzte eine Pfote darauf und sah zu Herrn Mertens.

„Sehr gut“, sagte der. „Bleib so.“

Bruno setzte vorsichtshalber auch die zweite Pfote auf das Blatt. Es waren die Stellenanzeigen.

Herr Mertens stand auf, um sie zu holen. In diesem Moment fuhr eine stärkere Böe unter die übrige Zeitung. Emma drückte den Lokalteil mit ihrem Tablett gegen den Tisch, Frieda erwischte die Reisebeilage an einer Ecke, und der Sportteil flog über die Terrasse. Er blieb erst am steinernen Rand des Brunnens hängen.

Danach war es wieder ruhig.

Herr Mertens setzte sich und legte die Zuckerdose auf die geretteten Seiten. Frieda beugte sich zu Bruno hinunter und zog die Stellenanzeigen einige Zentimeter unter seinen Pfoten hervor. Bruno verlagerte sein Gewicht nach vorn, legte sich auf das Papier und schob die Nase zwischen die Vorderpfoten.

„Du suchst doch gar keine Arbeit“, sagte Herr Mertens.

„Vielleicht hat er schon eine“, erwiderte Emma und nahm das Tablett vom Lokalteil.

Herr Mertens sah erst Bruno, dann seine Zeitung an. Er kratzte mit der Gabel die verfärbte Sahne vom Kuchenrand, legte sie auf den Teller und begann zu lesen. Frieda ließ die Stellenanzeigen liegen.

Eine Weile bewegte sich auf der Terrasse nichts mehr. Nur draußen am Brunnen hob sich die obere Ecke des Sportteils bei jedem Windstoß ein wenig an und fiel anschließend wieder auf den Stein zurück.

Der Tisch in der SonneDer kleine Tisch neben der Garderobe gehörte zu den Plätzen, die Emma nur dann anbot, wenn am Fens...
26/09/2026

Der Tisch in der Sonne

Der kleine Tisch neben der Garderobe gehörte zu den Plätzen, die Emma nur dann anbot, wenn am Fenster und vor der Kuchentheke nichts mehr frei war. Man sah von dort weder auf den Brunnen noch auf die Kastanie, sondern auf den Schirmständer, zwei Kleiderhaken und die Tür zur Küche, die sich während der Mittagszeit ständig öffnete.

An diesem Mittwoch saß zunächst niemand dort. Frau Krämer hatte ihren üblichen Fensterplatz bekommen, Herr Mertens breitete am Tisch neben der Theke seine Zeitung aus, und zwei Frauen aus der Apotheke teilten sich eine Kanne Tee. Emma war gerade dabei, die restlichen Stücke Birnenkuchen zu zählen, als ihr auffiel, dass die Sonne durch das obere Fenster bis an die hintere Wand reichte.

Der Tisch neben der Garderobe lag vollständig im Licht. Auf seiner dunklen Platte waren plötzlich Kratzer zu sehen, die Emma beim Abwischen noch nie bemerkt hatte. Sogar die Zuckerdose sah aus, als hätte sie jemand poliert.

Emma nahm den Schirmständer und stellte ihn neben die Eingangstür. Mehr tat sie nicht.

„Kommt dort etwas Neues hin?“, fragte Herr Mertens, ohne von seiner Zeitung aufzusehen.

„Nein. Ich wollte nur einmal sehen, wie der Tisch ohne Schirme aussieht.“

Kurz darauf kam eine Frau herein, die Emma gelegentlich samstags im Café gesehen hatte. Sie trug eine hellgraue Jacke über dem Arm und blieb zwischen den besetzten Tischen stehen.

„Ich habe nur noch den Platz an der Garderobe“, sagte Emma.

Die Frau sah hinüber. „Der ist doch wunderbar.“

Sie bestellte Kaffee und ein Stück Birnenkuchen, legte ihre Jacke auf den freien Stuhl und setzte sich mit dem Gesicht zum Fenster. Nach wenigen Minuten zog sie die Augen zusammen. Sie rückte erst die Tasse zur Seite, dann den Teller, doch auf der glänzenden Kuchengabel lag noch immer ein Lichtpunkt, der sie bei jeder Bewegung blendete.

Schließlich drehte sie den Stuhl so weit, dass sie halb zur Küche saß. Als Emma mit einem Tablett durch die Tür kam, musste sie seitlich an ihr vorbei.

„Entschuldigung“, sagte die Frau und zog ihren Stuhl ein Stück heran. „Die Sonne ist schöner, wenn man nicht direkt hineinsieht.“

Frau Krämer hatte die Veränderung inzwischen bemerkt. Sie betrachtete den hellen Tisch, dann ihren eigenen Platz, auf dem nur der Rand des Untertellers in der Sonne lag.

„Ausgerechnet neben der Garderobe“, sagte sie. „Da scheint heute die ganze Sonne hin.“

„Und direkt ins Gesicht“, erwiderte die Frau.

Frau Krämer sah noch einmal hin und blieb an ihrem Fensterplatz.

Während Emma Suppe aus der Küche brachte, wanderte das Licht langsam über den Tisch. Es lag zuerst auf der Kaffeetasse, dann auf der grauen Jacke und schließlich nur noch auf einem Ärmel, den die Frau über die Stuhllehne gehängt hatte. Weil der Stoff am Kragen noch etwas feucht war, zog sie die Jacke weiter ins Licht.

„Jetzt ist der Platz doch zu etwas gut“, sagte sie.

Gegen halb zwei bezahlte sie und zog die inzwischen trockene Jacke an. Der Tisch lag wieder im Schatten. Emma stellte den Schirmständer zurück, wischte die Krümel vom Holz und schob den verdrehten Stuhl an seinen Platz.

Wenig später kam Herr Bauer mit einer gefüllten Einkaufstasche herein. Er sah sich um, entdeckte den freien Tisch neben der Garderobe und stellte die Tasche auf den zweiten Stuhl.

„Ist hier noch frei?“

„Ja“, sagte Emma. „Jetzt wieder.“

Herr Bauer setzte sich, bestellte einen Kaffee und legte seine Mütze auf die Zuckerdose. Den Tisch betrachtete er nicht weiter.

25/09/2026

Friedas Journal – Der blaue Handschuh

Am Vormittag lag auf der niedrigen Mauer am Spielplatz ein einzelner blauer Wollhandschuh. Um sein Bündchen war ein schmales gelbes Band geknotet.

Als Frieda später wieder vorbeikam, steckte der Handschuh mit der Öffnung nach oben in einer Mauerritze. Darin standen drei Gänseblümchen und ein kurzer Kleestängel.

Das gelbe Band war nun um die kleinen Stiele gebunden.

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Edgar Winter gehört nicht zu den Menschen, die ein Gespräch beginnen, nur weil es gerade still ist.Wer bei ihm im Friseu...
24/09/2026

Edgar Winter gehört nicht zu den Menschen, die ein Gespräch beginnen, nur weil es gerade still ist.

Wer bei ihm im Friseurstuhl sitzt, darf erzählen. Oder schweigen. Edgar kann mit beidem gut umgehen. Dabei schneidet er Haare, stellt hin und wieder eine Frage und erfährt seit vielen Jahren, was sich in Lindenbach verändert – und was geblieben ist.

Er weiß deshalb mehr über den Ort als die meisten anderen. Vieles davon bleibt bei ihm.

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✂️ Der Sohn auf dem SchildÜber der Tür des Friseursalons hing ein altes Messingschild. Die Buchstaben waren an manchen S...
24/09/2026

✂️ Der Sohn auf dem Schild

Über der Tür des Friseursalons hing ein altes Messingschild. Die Buchstaben waren an manchen Stellen dunkel geworden, aber noch gut zu lesen:

Winter & Sohn – Friseur

Jakob Faber hatte das Schild schon oft gesehen. An diesem Nachmittag blieb sein Blick etwas länger daran hängen, bevor er die Tür öffnete.

Im Salon roch es nach Rasierwasser, Holz und ein wenig nach Kaffee. An der Wand hingen zwei große Spiegel mit Messingrahmen, vor dem Fenster stand ein alter grüner Friseurstuhl. Edgar Winter faltete gerade ein weißes Handtuch zusammen.

„Herr Faber“, sagte er.

Jakob erwiderte die Begrüßung und setzte sich. Edgar legte ihm den Umhang um die Schultern, betrachtete sein Haar im Spiegel und fragte: „Wie immer?“

„Etwas kürzer als immer.“

Edgar nickte und begann zu schneiden.

Eine Weile hörte Jakob nur das regelmäßige Geräusch der Schere. Edgar fragte weder nach der Schule noch nach dem Wochenende oder dem Wetter. Anfangs kam Jakob die Stille ungewohnt vor. Nach einigen Minuten merkte er, dass er sie angenehm fand.

Dann fiel sein Blick im Spiegel wieder auf das Schild über der Tür. „Arbeitet Ihr Sohn eigentlich auch hier?“

Edgar schnitt weiter. „Ich habe keinen Sohn.“

Jakob sah ihn überrascht an. „Aber auf dem Schild steht doch Winter und Sohn.“

Edgar strich mit dem Kamm eine Haarsträhne zur Seite. „Das stimmt. Der Sohn war ich.“

Jakob wollte den Kopf zu ihm drehen, doch Edgar legte zwei Finger an seine Schläfe und schob ihn wieder gerade. „Stillhalten.“

Dann erzählte er, dass sein Vater den Salon früher geführt hatte. Als Edgar in das Geschäft eingestiegen war, hatte der Vater das Schild anfertigen lassen.

„1989“, sagte Edgar.

„Das wissen Sie noch so genau?“

Edgar sah ihn kurz im Spiegel an. „Warum sollte ich es vergessen haben?“

Als Jakob wissen wollte, wann er den Salon übernommen hatte, kam die Antwort ebenso schnell. „Am siebzehnten Oktober 1996. Ein Donnerstag.“

Am Tag zuvor sei Herbstmarkt gewesen, und am Donnerstagmorgen habe es bis kurz vor zwölf geregnet.

Jakob musste lächeln. „Sie erinnern sich an das Wetter von vor dreißig Jahren?“

Edgar wechselte die Schere. „An diesem Tag schon.“

„Warum?“

Edgar schwieg zunächst. Dann sagte er: „Mein Vater hat morgens seinen Schlüssel auf den Tresen gelegt.“

Mehr erklärte er nicht. Jakob wartete einen Moment, doch Edgar arbeitete bereits weiter. Durch das Fenster fiel helles Nachmittagslicht auf die alten Holzschränke. Neben mehreren Flaschen Rasierwasser standen einige schmale, sorgfältig beschriftete Notizbücher.

Jakob sah wieder zum Schild. „Warum haben Sie es nie ändern lassen?“

Edgar blickte ebenfalls kurz zur Tür. „Weil es noch stimmt.“

„Aber Ihr Vater arbeitet doch längst nicht mehr hier.“

Edgar nahm den Kamm aus seinem Haar. „Deshalb bin ich trotzdem sein Sohn.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Ein älterer Mann vom Marktplatz kam herein und legte einen kleinen braunen Umschlag auf den Tresen.

„Wegen gestern“, sagte er nur.

Edgar nahm den Umschlag und schob ihn ungelesen in eine Schublade. Der Mann nickte Jakob zu und verließ den Salon wieder.

Jakob beobachtete Edgar im Spiegel. „Jetzt bin ich natürlich neugierig.“

Edgar nahm einen kleinen Pinsel und entfernte die losen Haare aus Jakobs Nacken. „Das habe ich mir gedacht.“

„Darf man erfahren, was in dem Umschlag steckt?“

Edgar stellte den Pinsel zurück. „Fragen dürfen Sie. Aber die Antwort gehört Herrn Brenner.“

Jakob musste lachen. „Sie wissen wahrscheinlich sowieso alles, was in Lindenbach passiert.“

Edgar löste den Umhang und schüttelte die abgeschnittenen Haare auf den Boden. „Alles sicher nicht.“ Dann dachte er kurz nach. „Aber vermutlich mehr, als nötig wäre.“

Jakob stand auf und betrachtete sich im Spiegel. Der Schnitt war etwas kürzer als sonst und genau richtig. Er zog seine Jacke an und ging hinaus.

Vor dem Salon blieb er noch einmal stehen und sah nach oben auf das alte Messingschild.

Winter & Sohn.

Durch die Scheibe konnte er Edgar sehen. Er hatte bereits den Besen genommen und kehrte ruhig die Haare um den Friseurstuhl zusammen. Jakob hob noch einmal die Hand zum Abschied. Edgar sah auf, nickte kurz und kehrte weiter.

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24/09/2026

Friedas Journal

Die kleine Straße

Am Vormittag lag auf der Bank unter der Kastanie ein flacher weißer Kieselstein. Darauf war ein kleines Haus mit einer blauen Tür gemalt.

Als Frieda später wieder vorbeikam, lagen drei weitere bemalte Steine daneben. Eines der Häuser hatte grüne Fensterläden, eines ein rotes Dach und das letzte eine gelbe Haustür.

Aus dem einzelnen Haus war eine kleine Straße geworden.

Habt ihr als Kinder auch Steine bemalt?

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Die Frau mit den ZettelnAm Dienstagmorgen stand eine Frau vor der Bank unter der Kastanie und drückte mit dem Fuß gegen ...
23/09/2026

Die Frau mit den Zetteln

Am Dienstagmorgen stand eine Frau vor der Bank unter der Kastanie und drückte mit dem Fuß gegen das linke Bein. Die Bank wackelte. Nicht viel, aber gerade genug, dass die Kaffeetasse, die Herr Mertens dort manchmal neben sich abstellte, vermutlich nicht lange stillstehen würde.

Die Frau beugte sich hinunter, sah unter die Sitzfläche und richtete sich wieder auf. Sie trug eine dunkelblaue Jacke über einer hellen Bluse, eine braune Tasche über der Schulter und unter dem Arm eine Mappe, die ein wenig zu voll aussah. Aus der Jackentasche zog sie einen kleinen Zettel und einen Kugelschreiber.

Bank Kastanie – linkes Bein.

Mehr schrieb sie nicht.

Bruno stand einige Meter entfernt und sah ihr dabei zu. Frieda hatte sich vor Annas Schaufenster festgeredet. Das gab ihm Zeit, sich mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Er ging hinüber, und die Frau bemerkte ihn erst, als seine Nase fast ihre Tasche erreicht hatte.

„Du gehörst bestimmt irgendwohin“, sagte sie.

Bruno sah zu ihr hoch. Die meisten Menschen stellten solche Fragen, obwohl sie die Antwort offensichtlich nicht wirklich brauchten.

„Bruno.“ Frieda kam über den Platz. „Entschuldigung. Er hält sich für zuständig.“

„Dann sind wir schon zwei.“ Die Frau steckte den Zettel zurück in die Tasche.

Frieda lächelte. „Guten Morgen, Eva.“

„Guten Morgen.“

Mehr musste zunächst nicht gesagt werden. In Lindenbach erklärte man einander nicht bei jeder Begegnung, woher man sich kannte.

Eva ging in Richtung Marktplatz, und Bruno fand ihre Tasche weiterhin interessant genug, um sie ein Stück zu begleiten. Vor der Bäckerei stand eine ältere Frau und blickte nach oben. Über ihr hing das kleine Schild mit den Öffnungszeiten schief.

„Es ist wieder locker“, sagte sie, als Eva vorbeikam. „Seit gestern.“

Eva blieb stehen und sah hinauf. „Nur die rechte Schraube?“

„Ich glaube schon. Und hinten an der Bushaltestelle liegt seit Montag ein Ast.“

Eva hatte den Stift bereits in der Hand. „Groß?“

Die Frau dachte nach. „Kommt darauf an, wer ihn wegtragen soll.“

Eva lachte und schrieb: Bäckerei – Schild rechts. Bushaltestelle – Ast ansehen.

Am Brunnen traf sie Jakob Faber. Er hatte eine kleine Holzkiste unter dem Arm und sah aus, als wäre er auf dem Weg zur Schule und mit seinen Gedanken bereits ganz woanders.

„Eva, ich habe eine Idee.“

„Das höre ich an deiner Stimme.“

Jakob stellte die Kiste auf den Brunnenrand. Darin lagen zwei Holzräder, einige Schrauben und ein Stück Schnur. „Die Kinder könnten vor der Schule kleine Wettertafeln bauen. Keine fertigen. Eigene. Für die Windrichtung, die Regenmenge und vielleicht noch—“

Eva hob die Hand, nicht um ihn zu stoppen, sondern nur ein wenig zu bremsen. „Wie groß sollen sie werden?“

Jakob zeigte es ihr mit beiden Händen.

„Und wer kümmert sich darum?“

„Die dritte Klasse.“

„Auch in den Ferien?“

Jakob schwieg.

Eva wartete.

„Darüber müsste ich noch nachdenken“, sagte er schließlich.

„Dann denk erst einmal darüber nach.“

Jakob sah auf ihre Jackentasche. „Das kommt nicht auf einen Zettel?“

„Noch nicht. Eine gute Idee muss nicht gleich morgen erledigt werden.“

Er hob die Holzkiste wieder an. „Das schreibe ich mir auf.“

„Dann haben wir beide etwas zu schreiben.“

Als Eva den Platz überquerte, kam Herr Schulte aus der Buchhandlung. Er trug ein Paket mit Büchern vor sich her und stellte es neben der Tür ab.

„Frau Bürgermeisterin“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung.

Bruno sah erst Herrn Schulte und dann Eva an. Nun war ihm zumindest klar, warum sie sich für so vieles zuständig hielt.

Eva schüttelte den Kopf. „Herr Schulte.“

„Ich wollte nur ausprobieren, wie es klingt.“

„Und?“

„Zu förmlich.“

„Dann lassen wir es wieder.“

Herr Schulte nickte zufrieden und trug das Paket in die Buchhandlung.

Eine Viertelstunde später saß Eva bei Emma am Fenster. Die Mappe lag geschlossen neben ihr, vor ihr stand ein Kaffee. Auf dem Tisch lagen sieben kleine Zettel: die Bank unter der Kastanie, das Schild an der Bäckerei, der Ast an der Bushaltestelle, ein tropfender Wasserhahn auf dem Friedhof, zwei fehlende Bretter am Zaun hinter der Schule, eine Frage zur Zehntscheune und ein älterer Zettel, auf dem nur Laterne Mühlweg? stand.

Emma stellte ein Glas Wasser neben den Kaffee. „Viel los?“

Eva betrachtete die Zettel. „Eigentlich nicht.“

„Sieht anders aus.“

„Es sind sieben Dinge.“

„Und wie viele davon musst du heute lösen?“

Eva nahm den Zettel mit der Bank. „Eins vielleicht.“

„Warum gerade das?“

Durch das Fenster sah Eva, wie Herr Mertens langsam über den Platz kam, die Stofftasche in der Hand. „Weil er sich gleich daraufsetzen wird.“

Sie griff nach ihrem Telefon und rief im Rathaus an. „Die Bank unter der Kastanie, das linke Bein“, sagte sie. „Wenn es heute noch geht.“ Dann steckte sie das Telefon ein, trank den letzten Schluck Kaffee und nahm den Zettel mit nach draußen.

Herr Mertens hatte die Bank inzwischen erreicht und sich vorsichtig auf die rechte Seite gesetzt. Eva blieb vor ihm stehen.

„Wackelt sie?“

Er verlagerte sein Gewicht ein wenig. Die Bank bewegte sich.

„Ein bisschen.“

„Ich habe schon jemanden angerufen.“

Herr Mertens sah zu ihr auf. „Muss die Bank jetzt weg?“

„Warum sollte sie?“

„Man weiß ja nie. Heute wird schnell etwas ausgetauscht.“

Eva setzte sich neben ihn. „Die Bank bleibt. Das Bein wird festgezogen.“

Unter der Kastanie lagen die ersten braunen Blätter. Auf dem Marktplatz schob Mehmet eine Kiste unter seinen Stand, und vor dem Blütenwerk stellte Anna einen Eimer mit weißen Astern nach draußen. Irgendwo fiel eine Tür ins Schloss.

Herr Mertens sah zu Eva. „Hast du nichts zu tun?“

„Doch.“

„Dann will ich dich nicht aufhalten.“

Eva blieb sitzen. „Das hier gehört auch dazu.“

Am Nachmittag kam der Hausmeister des Rathauses mit einem Schraubenschlüssel vorbei und zog die lockere Schraube am linken Bankbein fest. Eva prüfte die Bank noch einmal mit dem Fuß. Diesmal bewegte sie sich nicht.

Sie strich das Wort Bank auf ihrem Zettel durch und legte ihn in das hintere Fach ihrer Mappe. Dort sammelte sie die erledigten Zettel bis zum Ende der Woche.

In ihrer Jackentasche warteten schon die nächsten. Nur für Jakobs Wettertafeln gab es noch keinen.

Manche Dinge mussten repariert werden. Manche brauchten erst noch ein wenig Zeit.

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