23/09/2026
Die Frau mit den Zetteln
Am Dienstagmorgen stand eine Frau vor der Bank unter der Kastanie und drückte mit dem Fuß gegen das linke Bein. Die Bank wackelte. Nicht viel, aber gerade genug, dass die Kaffeetasse, die Herr Mertens dort manchmal neben sich abstellte, vermutlich nicht lange stillstehen würde.
Die Frau beugte sich hinunter, sah unter die Sitzfläche und richtete sich wieder auf. Sie trug eine dunkelblaue Jacke über einer hellen Bluse, eine braune Tasche über der Schulter und unter dem Arm eine Mappe, die ein wenig zu voll aussah. Aus der Jackentasche zog sie einen kleinen Zettel und einen Kugelschreiber.
Bank Kastanie – linkes Bein.
Mehr schrieb sie nicht.
Bruno stand einige Meter entfernt und sah ihr dabei zu. Frieda hatte sich vor Annas Schaufenster festgeredet. Das gab ihm Zeit, sich mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Er ging hinüber, und die Frau bemerkte ihn erst, als seine Nase fast ihre Tasche erreicht hatte.
„Du gehörst bestimmt irgendwohin“, sagte sie.
Bruno sah zu ihr hoch. Die meisten Menschen stellten solche Fragen, obwohl sie die Antwort offensichtlich nicht wirklich brauchten.
„Bruno.“ Frieda kam über den Platz. „Entschuldigung. Er hält sich für zuständig.“
„Dann sind wir schon zwei.“ Die Frau steckte den Zettel zurück in die Tasche.
Frieda lächelte. „Guten Morgen, Eva.“
„Guten Morgen.“
Mehr musste zunächst nicht gesagt werden. In Lindenbach erklärte man einander nicht bei jeder Begegnung, woher man sich kannte.
Eva ging in Richtung Marktplatz, und Bruno fand ihre Tasche weiterhin interessant genug, um sie ein Stück zu begleiten. Vor der Bäckerei stand eine ältere Frau und blickte nach oben. Über ihr hing das kleine Schild mit den Öffnungszeiten schief.
„Es ist wieder locker“, sagte sie, als Eva vorbeikam. „Seit gestern.“
Eva blieb stehen und sah hinauf. „Nur die rechte Schraube?“
„Ich glaube schon. Und hinten an der Bushaltestelle liegt seit Montag ein Ast.“
Eva hatte den Stift bereits in der Hand. „Groß?“
Die Frau dachte nach. „Kommt darauf an, wer ihn wegtragen soll.“
Eva lachte und schrieb: Bäckerei – Schild rechts. Bushaltestelle – Ast ansehen.
Am Brunnen traf sie Jakob Faber. Er hatte eine kleine Holzkiste unter dem Arm und sah aus, als wäre er auf dem Weg zur Schule und mit seinen Gedanken bereits ganz woanders.
„Eva, ich habe eine Idee.“
„Das höre ich an deiner Stimme.“
Jakob stellte die Kiste auf den Brunnenrand. Darin lagen zwei Holzräder, einige Schrauben und ein Stück Schnur. „Die Kinder könnten vor der Schule kleine Wettertafeln bauen. Keine fertigen. Eigene. Für die Windrichtung, die Regenmenge und vielleicht noch—“
Eva hob die Hand, nicht um ihn zu stoppen, sondern nur ein wenig zu bremsen. „Wie groß sollen sie werden?“
Jakob zeigte es ihr mit beiden Händen.
„Und wer kümmert sich darum?“
„Die dritte Klasse.“
„Auch in den Ferien?“
Jakob schwieg.
Eva wartete.
„Darüber müsste ich noch nachdenken“, sagte er schließlich.
„Dann denk erst einmal darüber nach.“
Jakob sah auf ihre Jackentasche. „Das kommt nicht auf einen Zettel?“
„Noch nicht. Eine gute Idee muss nicht gleich morgen erledigt werden.“
Er hob die Holzkiste wieder an. „Das schreibe ich mir auf.“
„Dann haben wir beide etwas zu schreiben.“
Als Eva den Platz überquerte, kam Herr Schulte aus der Buchhandlung. Er trug ein Paket mit Büchern vor sich her und stellte es neben der Tür ab.
„Frau Bürgermeisterin“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung.
Bruno sah erst Herrn Schulte und dann Eva an. Nun war ihm zumindest klar, warum sie sich für so vieles zuständig hielt.
Eva schüttelte den Kopf. „Herr Schulte.“
„Ich wollte nur ausprobieren, wie es klingt.“
„Und?“
„Zu förmlich.“
„Dann lassen wir es wieder.“
Herr Schulte nickte zufrieden und trug das Paket in die Buchhandlung.
Eine Viertelstunde später saß Eva bei Emma am Fenster. Die Mappe lag geschlossen neben ihr, vor ihr stand ein Kaffee. Auf dem Tisch lagen sieben kleine Zettel: die Bank unter der Kastanie, das Schild an der Bäckerei, der Ast an der Bushaltestelle, ein tropfender Wasserhahn auf dem Friedhof, zwei fehlende Bretter am Zaun hinter der Schule, eine Frage zur Zehntscheune und ein älterer Zettel, auf dem nur Laterne Mühlweg? stand.
Emma stellte ein Glas Wasser neben den Kaffee. „Viel los?“
Eva betrachtete die Zettel. „Eigentlich nicht.“
„Sieht anders aus.“
„Es sind sieben Dinge.“
„Und wie viele davon musst du heute lösen?“
Eva nahm den Zettel mit der Bank. „Eins vielleicht.“
„Warum gerade das?“
Durch das Fenster sah Eva, wie Herr Mertens langsam über den Platz kam, die Stofftasche in der Hand. „Weil er sich gleich daraufsetzen wird.“
Sie griff nach ihrem Telefon und rief im Rathaus an. „Die Bank unter der Kastanie, das linke Bein“, sagte sie. „Wenn es heute noch geht.“ Dann steckte sie das Telefon ein, trank den letzten Schluck Kaffee und nahm den Zettel mit nach draußen.
Herr Mertens hatte die Bank inzwischen erreicht und sich vorsichtig auf die rechte Seite gesetzt. Eva blieb vor ihm stehen.
„Wackelt sie?“
Er verlagerte sein Gewicht ein wenig. Die Bank bewegte sich.
„Ein bisschen.“
„Ich habe schon jemanden angerufen.“
Herr Mertens sah zu ihr auf. „Muss die Bank jetzt weg?“
„Warum sollte sie?“
„Man weiß ja nie. Heute wird schnell etwas ausgetauscht.“
Eva setzte sich neben ihn. „Die Bank bleibt. Das Bein wird festgezogen.“
Unter der Kastanie lagen die ersten braunen Blätter. Auf dem Marktplatz schob Mehmet eine Kiste unter seinen Stand, und vor dem Blütenwerk stellte Anna einen Eimer mit weißen Astern nach draußen. Irgendwo fiel eine Tür ins Schloss.
Herr Mertens sah zu Eva. „Hast du nichts zu tun?“
„Doch.“
„Dann will ich dich nicht aufhalten.“
Eva blieb sitzen. „Das hier gehört auch dazu.“
Am Nachmittag kam der Hausmeister des Rathauses mit einem Schraubenschlüssel vorbei und zog die lockere Schraube am linken Bankbein fest. Eva prüfte die Bank noch einmal mit dem Fuß. Diesmal bewegte sie sich nicht.
Sie strich das Wort Bank auf ihrem Zettel durch und legte ihn in das hintere Fach ihrer Mappe. Dort sammelte sie die erledigten Zettel bis zum Ende der Woche.
In ihrer Jackentasche warteten schon die nächsten. Nur für Jakobs Wettertafeln gab es noch keinen.
Manche Dinge mussten repariert werden. Manche brauchten erst noch ein wenig Zeit.