02/10/2026
Offener Brief an Wilfried Oellers, Bundestagsabgeordneter für den Kreis Heinsberg
Pflegereform: Wer übernimmt die Hilfe, wenn die Finanzierung wegfällt?
Sehr geehrter Herr Oellers,
ich habe Ihnen bereits eine E-Mail geschrieben. Weil die geplanten Änderungen viele Menschen betreffen, stelle ich meine Fragen auch öffentlich.
Ich arbeite als unabhängige Pflegeberaterin und Anbieterin anerkannter Alltagsbegleitung im Kreis Heinsberg. Ich sehe täglich, welche Unterstützung Menschen brauchen, um weiterhin zu Hause leben zu können.
Eine meiner Klientinnen ist 96 Jahre alt und blind. Sie benötigt 20 Stunden Unterstützung im Monat: für Einkäufe, Formulare und Hilfe im Haushalt.
Eine weitere ist 89 Jahre alt und nutzt ebenfalls 20 Stunden monatlich. Eine dritte hat keine Angehörigen und braucht regelmäßig Begleitung, auch bei Krankenhausaufenthalten.
Diese Unterstützung wird bislang durch mehrere Leistungen finanziert, darunter Umwandlungsanspruch und Verhinderungspflege. Die geplante Streichung des Umwandlungsanspruchs und die Änderungen bei der Verhinderungspflege gefährden diese Versorgung.
20 Stunden kosten bei meinem Stundensatz von 38 Euro insgesamt 760 Euro. Das vorgesehene Sozialraumbudget von 175 Euro finanziert rund 4,6 Stunden.
Wie soll der tatsächliche Bedarf künftig gedeckt werden? Welche Finanzierung steht diesen Menschen konkret zur Verfügung?
Die Frauen brauchen weiterhin Hilfe. Sie werden durch eine Gesetzesänderung weder jünger noch selbstständiger. Angehörige, die bisher nicht da waren, stehen dann auch nicht plötzlich vor der Tür.
Wir haben bereits funktionierende Strukturen: anerkannte Anbieter, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und vertraute Menschen, die seit Jahren zuverlässig kommen.
An dieser Arbeit hängen auch Arbeitsplätze und wirtschaftliche Existenzen. Wenn wesentliche Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen, können wir Personal und Unterstützung nicht einfach aus eigener Tasche weiter finanzieren.
Für mich ist dieser Entwurf an diesen Stellen nicht durchdacht. Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wer leistet und bezahlt die notwendige Hilfe künftig?
Noch ist das Gesetz nicht beschlossen. Deshalb bitte ich Sie als unseren direkt gewählten Abgeordneten und Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales: Setzen Sie sich dafür ein, dass diese Versorgung erhalten bleibt. Sprechen Sie mit den Menschen, die sie täglich leisten, bevor Sie darüber entscheiden.
Ich bitte Sie um ein persönliches Gespräch und eine öffentliche Antwort:
Werden Sie einem Gesetz zustimmen, wenn dadurch die bisher finanzierte Unterstützung dieser Menschen nicht mehr gesichert ist? Und welche konkrete Lösung schlagen Sie vor?
Sollte es eine namentliche Abstimmung geben, wird Ihr Abstimmungsverhalten öffentlich nachvollziehbar sein. Unabhängig davon bitte ich Sie, Ihre Haltung gegenüber den Menschen in Ihrem Wahlkreis klar zu benennen.
Mit freundlichen Grüßen
Michaela Vieten
Unabhängige Pflegeberaterin und Anbieterin anerkannter Alltagsbegleitung
Kreis Heinsberg
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