27/08/2026
Lipödem oder Lipalgie-Syndrom – brauchen wir einen neuen Namen?
Die aktuelle Diskussion verunsichert viele Betroffene. Ausgelöst wurde sie durch die Entscheidung der Földiklinik, das bisher als Lipödem bezeichnete Krankheitsbild künftig „Lipalgie-Syndrom“ zu nennen. Die Begründung: Das reine Lipödem sei keine Ödemerkrankung und keine Erkrankung des Lymphgefäßsystems. Im Mittelpunkt stünden vielmehr die disproportionale Fettgewebsverteilung und der Schmerz.
Was daran fachlich nachvollziehbar ist: Die Bezeichnung „Lipödem“ kann tatsächlich irreführen. Sie suggeriert eine relevante Flüssigkeitsansammlung und damit eine Erkrankung, die primär „entstaut“ werden müsse.
Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie stellt jedoch klar: Das Lipödem ist weder eine klassische Ödemerkrankung noch primär Ausdruck einer venösen oder lymphatischen Funktionsstörung.
Auch bildgebende und histologische Untersuchungen fanden beim isolierten Lipödem überwiegend keine für ein Lymphödem typischen Veränderungen. Die manuelle Lymphdrainage kann Beschwerden lindern – wahrscheinlich aber eher über schmerzmodulierende und neurophysiologische Wirkungen als durch die Entfernung großer Flüssigkeitsmengen.
Insofern ist der Perspektivwechsel wichtig: weg von der Vorstellung eines grundsätzlich „gestauten“ Beines, hin zu einer differenzierten Betrachtung von Fettgewebe, Schmerz, Funktion und Begleiterkrankungen.
Aber ist „Lipalgie-Syndrom“ bereits der wissenschaftlich bessere Begriff?
Hier ist Zurückhaltung angebracht. Die Földiklinik trifft eine klinikinterne Entscheidung. Eine offizielle Umbenennung durch Fachgesellschaften, AWMF, WHO oder Gemeinsamen Bundesausschuss ist damit nicht erfolgt. Die gültige S2k-Leitlinie, die ICD-11 und die Regelungen des G-BA verwenden weiterhin den Begriff Lipödem.
Auch international wurde 2026 in einem Delphi-Konsens weiterhin von „Lipedema“ gesprochen. Die Expertinnen und Experten beschrieben eine krankhafte Fettgewebsverteilung mit Schmerzen oder Beschwerden, betonten zugleich aber, dass die Evidenz zu Pathophysiologie, Diagnostik und vielen Therapieansätzen noch begrenzt ist.
Der Begriff „Lipalgie“ stellt den Schmerz in den Mittelpunkt. Das passt zur deutschen Leitlinie, nach der eine schmerzlose disproportionale Fettverteilung als Lipohypertrophie und nicht als Lipödem bezeichnet werden soll. Gleichzeitig reduziert der neue Begriff möglicherweise ein komplexes Krankheitsbild zu stark auf den Schmerz. Veränderungen des Fett- und Bindegewebes, Mikrozirkulation, Entzündungsprozesse, hormonelle Einflüsse und mögliche Veränderungen der Gewebsflüssigkeit werden weiterhin untersucht.
Auch das pauschale Absetzen der manuellen Lymphdrainage lässt sich nicht allein aus der Aussage „kein Ödem“ ableiten. Die S2k-Leitlinie sieht sie bei unzureichender Wirkung der Kompression ergänzend zur Schmerzmodulation vor. Für eine dauerhafte routinemäßige Verordnung beim isolierten Lipödem fehlt allerdings ebenfalls eine überzeugende Evidenz.
Unsere Einordnung: Die Debatte ist wissenschaftlich sinnvoll. Sie korrigiert überholte Vorstellungen und zwingt uns, genauer zu diagnostizieren:
* Liegt tatsächlich ein Lipödem vor?
* Besteht zusätzlich eine Adipositas, ein Lymphödem oder eine venöse Erkrankung?
* Welche Beschwerden sind objektivierbar?
* Welche Therapie verbessert Schmerz, Funktion und Lebensqualität?
Eine neue Bezeichnung allein löst diese Fragen jedoch nicht. „Lipalgie-Syndrom“ ist ein nachvollziehbarer Vorschlag – aber noch kein allgemein anerkannter neuer Krankheitsname. Ebenso wenig rechtfertigt die Debatte, Beschwerden zu psychologisieren oder Betroffenen eine reale körperliche Erkrankung abzusprechen.
Wir sollten weder an alten Erklärungsmodellen festhalten noch wissenschaftliche Unsicherheiten vorschnell für beendet erklären. Entscheidend bleibt nicht das Etikett, sondern eine sorgfältige, individuelle und leitlinienorientierte Diagnostik und Therapie.