25/02/2024
HENRY MILLER (1891-1980) Der Schriftsteller und sein Blick auf die USA.
"Als Volk haben wir Amerikaner uns zu gefährlichen Experimenten hergegeben. Seit 1914 versuchen wir die Welt in Ordnung zu bringen. Wir haben dabei zwar kein ganz reines Gewissen, gehen aber auch nicht ganz heuchlerisch vor. Kurz, wir haben als Volk gehandelt, das von den guten Dingen des Lebens mehr gehabt hat, als ihm eigentlich zusteht, das nicht durch eine Reihe von Invasionen und Revolutionen moralisch, körperlich und geistig verkrüppelt ist. Und doch ist es uns absolut misslungen, die schlimmen Verhältnisse, mit denen sich der übrige Teil der Welt herumplagt, zu verbessern. Und nicht nur das, wir selbst haben daran Schaden genommen, und Rückschläge erlitten. Wir haben viel von der Unabhängigkeit, Schwungkraft und Elastizität, ganz zu schweigen von dem Mut, Glauben und Optimismus unserer Vorväter, verloren. Als junge Nation sind wir schon müde, voll von Zweifeln und Befürchtungen und haben nicht die geringste Ahnung, welchen Kurs in der Weltpolitik wir einschlagen sollen. Wir sind anscheinend nur noch zu einem fähig: uns durch Spritzen aufzupulvern und uns bis an die Zähne zu bewaffnen. Wenn wir nicht mürrisch mit dem Finger winken oder drohen, versuchen wir, so gut wir können, durch Winseln und Schmeicheln Beruhigung zu erzielen. Der ganzen Welt ist klar, dass wir in Wirklichkeit nur unser großes Stück Kuchen in Ruhe und Frieden genießen wollen. Aber wir wissen jetzt, ohne allen Zweifel – und das verwirrt uns sehr -, dass das nicht möglich ist, solange die übrige Welt hungert. Wir können unseren Kuchen nicht essen, wenn wir anderen nicht auch einen verschaffen. (vorausgesetzt, dass sie Kuchen mögen und nicht etwas Kräftigeres wünschen.)
Wenn wir nun den Überfluss verehren, dann sollte uns der gesunde Menschenverstand eingeben, dass wir aufhören müssen unsere Zeit und Energie mit der Erzeugung von Vernichtungswaffen und destruktiven Gedanken zu verschwenden. Man stelle sich einen starken und gesunden Mann vor, der nichts von seinem Nachbarn will, weil er mehr als genug daheim hat, und der nun darauf besteht, Pillen zu essen und einen schweren Panzer anzulegen, wenn er an die Arbeit geht, und schließlich anfängt, hohe Mauern um sein Haus zu ziehen, damit niemand einbrechen, und vielleicht eine Brotkruste stehlen kann. Oder einen der sagt: „Ja, ich werde mich freuen, mich mit dir an einen Tisch zu setzen, aber vorerst musst du deine Ideen ändern.“ Oder eine, der sogar noch weiter geht und sagt: „Die Schwierigkeit liegt bei dir darin, dass du nicht weißt, wie man leben muss.“
Textquelle: Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch, Rowohlt Verlag, S.125, (deutsch: Kurt Wagenseil)
Foto: Kultur Jack