04/06/2026
ALS DER POSTZUSTELLER NOCH EINEN SEELENAUFTRAG HATTE...... ❤️
„Hallo, Herr Kohl!“ So tönt es aus der Türsprechanlage. Ich stutze: Das ist doch die Stimme von H. Schneider, meinem Postzusteller an der früheren Wohnung. Er ist es wirklich. H. Schneider steht vor der Tür und eröffnet mir, dass er den Zustell-Bezirk gewechselt hat; er ist jetzt wieder für mich zuständig. Zu meiner große Freude! Denn er ist noch ein Zusteller „der alten Art“: Er ist super-zuverlässig. Er kennt die Leute, für die er zuständig ist. Und er kennt auch die Nachbarn, die gern mal Post ersatzweise entgegennehmen. Bei ihm ist meine Post wieder in guten Händen.
Das war nach meinem Umzug ganz anders. In meinen Briefkasten haben die neuen Zusteller alles Mögliche eingeworfen: Nicht nur meine Post, sondern die für die Firma unter mir und Sendungen für Nachbarn rundherum, bis vier Häuser weiter. Ich habe diese Post dann an die wirklichen Empfänger weiterverteilt. Fast jeden Tag. Die wechselnden Zusteller waren größtenteils junge Leute, denen an einer sorgfältigen Zustellung offensichtlich nicht viel lag: Menschen, die sich also wenig mit ihrer Arbeit identifiziert haben. Ob das damit zusammenhängt, dass sie überlastet sind und wenig verdienen?
Von meiner Kindheit auf dem Dorf her kenne ich es noch einmal anders. Eine Frau hatte in ihrem Haus die Poststelle. Vormittags ging sie durchs Dorf und verteilte die Post. Sie kannte alle Leute und wusste bestens über sie Bescheid – weil die Leute ihr an der Haustür vieles anvertraut haben. Einsame alte Leute haben sich gefreut, wenn sie vorbeikam. Beim Postaustragen war auch ein bisschen Seelsorge dabei. Das hat allen Beteiligten gut getan.
Heutzutage geht das so nicht mehr. Aber ich bin froh, dass nun wieder Herr Schneider für mich zuständig ist. Das ist eine ganz andere Qualität von Postzustellung, und es ist auch menschlich angenehm: Ich habe nun wieder einen Postzusteller, der sich mit seiner Arbeit identifiziert und der einen gewissen Bezug zu seinen Kunden hat. Das tut einfach gut. Danke, Herr Schneider!
Christoph Kohl - SWR1 Anstösse
(Foto: unbekannt - Danke!)