27/08/2026
WILLKOMMEN IN DER ZUKUNFT:
"DER THERAPEUT AUF DEM TABLET"
Stellen Sie sich vor, Sie kommen zur Behandlung in eine Klinik. Nach der Aufnahme führt Sie eine Mitarbeiterin in einen kleinen Raum. Auf dem Tisch liegt ein Tablet.
Sie erklärt Ihnen, dass Ihre Einzelsitzung gleich beginnt. Auf dem Bildschirm erscheint ein freundliches Gesicht. Ihr Gegenüber kennt Ihre Vorgeschichte, Ihre Diagnosen, Ihre Fragebogenergebnisse und sämtliche bisherigen Gespräche. Es erinnert sich an jede Äußerung. Seine Stimme, sein Blick und seine Mimik reagieren fein abgestimmt auf Ihre Verfassung. Es wird niemals ungeduldig und hat unbegrenzt Zeit.
Der Therapeut auf dem Bildschirm ist eine künstliche Intelligenz.
So sieht der klinische Alltag heute noch nicht aus. Technisch wäre vieles davon bereits möglich.
KI als psychologische Vertrauensperson
Viele Menschen sprechen heute mit KI über Ängste, Einsamkeit, Beziehungskonflikte, depressive Phasen oder persönliche Krisen. Manche nutzen sie gelegentlich, um ihre Gedanken zu ordnen. Andere führen regelmäßig lange und sehr persönliche Gespräche mit ihr. Die KI übernimmt für sie die Funktion eines psychologischen Beraters, eines Freundes oder einer Vertrauensperson.
Therapieplätze sind knapp und die Wartezeiten häufig lang. Zugleich hat die psychische Belastung der Bevölkerung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen, politischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Sorgen, Kriege und globaler Krisen zugenommen.
Nach Daten des Robert Koch-Instituts wies 2024 etwa ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland eine depressive oder Angstsymptomatik auf. Die American Psychological Association berichtet inzwischen von Millionen Menschen, die generative KI und entsprechende Apps zur emotionalen und psychischen Unterstützung verwenden.
Eine KI ist jederzeit erreichbar. Man muss keinen Termin vereinbaren und sich zunächst keinem Menschen persönlich anvertrauen. Die KI hört geduldig zu, stellt Fragen und vermittelt vielen Nutzern das Gefühl, ernst genommen zu werden. Der Übergang vom digitalen Hilfsmittel zum therapeutisch erlebten Gegenüber hat längst begonnen.
Ein blinder Fleck der deutschen KI-Debatte
Über den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen durch KI wird in Deutschland vor allem mit Blick auf Industrie, Verwaltung und kreative Berufe gesprochen. Im Gesundheitswesen fällt die Diskussion zurückhaltender aus.
In offiziellen Stellungnahmen steht die KI als Assistenzsystem im Vordergrund. Sie soll Ärzte entlasten, ihre Entscheidungen verbessern und ihnen mehr Zeit für Patienten verschaffen. Die wirtschaftlichen Folgen leistungsfähiger medizinischer Systeme erhalten deutlich weniger Aufmerksamkeit. Kliniken und andere Unternehmen werden auch prüfen, welche Aufgaben sich automatisieren lassen und wie viel Personal danach noch benötigt wird.
Ärzte könnten davon ebenso betroffen sein wie Psychotherapeuten.
Mehrere Studien vermitteln einen Eindruck vom gegenwärtigen Stand. In einer 2025 in Nature Medicine veröffentlichten Untersuchung erzielten Ärzte mit Unterstützung durch GPT-4 bei komplexen Behandlungsentscheidungen bessere Ergebnisse als Ärzte mit herkömmlichen Hilfsmitteln. GPT-4 allein erreichte ein vergleichbares Ergebnis wie die Ärzte mit KI-Unterstützung.
Eine randomisierte Studie in JAMA Network Open fiel noch deutlicher aus. Ärzte mit Zugriff auf GPT-4 erreichten bei anspruchsvollen diagnostischen Fällen 76 Prozent, ohne KI waren es 74 Prozent. GPT-4 allein kam auf 92 Prozent und übertraf beide Ärztegruppen signifikant.
Auch das medizinische Gespräch bildet keine sichere Grenze mehr. Das dafür entwickelte KI-System AMIE erzielte in 159 simulierten Konsultationen eine höhere diagnostische Genauigkeit als die beteiligten Hausärzte. Fachärzte bewerteten das System auf 30 von 32 Qualitätsdimensionen besser. Die dargestellten Patienten bevorzugten es auf 25 von 26 Dimensionen, darunter auch bei Kommunikation und wahrgenommener Empathie.
Diese Studien fanden unter kontrollierten Bedingungen und teilweise per Textchat mit simulierten Patienten statt. Der klinische Alltag ist komplexer. Die Ergebnisse zeigen dennoch, dass Diagnostik, Behandlungsplanung und medizinische Gesprächsführung nicht mehr selbstverständlich als ausschließlich menschliche Fähigkeiten gelten können.
Der Einzug der KI in die klinische Behandlung
Der Einstieg dürfte unspektakulär verlaufen. KI-Systeme werden Anamnesen vorbereiten, Fragebögen auswerten, Behandlungsverläufe dokumentieren und psychoedukative Inhalte vermitteln. Später könnten sie einzelne Gespräche übernehmen und zu einem festen Bestandteil der Behandlung werden.
Patienten hätten weiterhin einen verantwortlichen menschlichen Therapeuten, würden ihn jedoch seltener persönlich sehen. Vielleicht findet irgendwann nur noch das Aufnahmegespräch mit einem Menschen statt. Die regelmäßigen „Einzelsitzungen“ führt anschließend ein KI-System. Menschliche Therapeuten greifen bei Krisen, komplexen Verläufen oder besonderen diagnostischen Fragen ein.
Für Kliniken und andere Versorgungsträger wäre das wirtschaftlich attraktiv. Ein System könnte rund um die Uhr eine große Zahl von Patienten betreuen. Es benötigte weder Pausen noch Urlaub und verursachte nach seiner Einführung nur geringe zusätzliche Kosten. Unter wachsendem Kostendruck könnte die Frage nach der tatsächlichen Gleichwertigkeit zunehmend in den Hintergrund treten.
Der künstliche Therapeut erhält einen Körper
Das Tablet wäre lediglich eine Zwischenstufe. Humanoide Roboter bewegen sich immer flüssiger. Stimmen, Blickbewegungen, Gesichtsausdrücke und emotionale Reaktionen wirken zunehmend glaubwürdig.
Moderne Videospiele zeigen bereits, wie realistisch sich menschliche Mimik digital nachbilden lässt. Feinste Bewegungen um Augen und Mund, Blickkontakt und emotionale Übergänge wirken teilweise kaum noch künstlich. Eine KI könnte diese Mimik fortlaufend an das Gespräch und die Verfassung ihres Gegenübers anpassen.
Forschenden ist es außerdem gelungen, gezüchtetes lebendes Hautgewebe an einem robotischen Gesicht zu befestigen. Die bisherigen Modelle sind noch weit von einer überzeugenden menschlichen Erscheinung entfernt. An besserer Selbstheilung, künstlicher Durchblutung, sensorischen Funktionen und der Einbindung von Nerven wird jedoch gearbeitet.
Die Maschine braucht keine eigenen Gefühle, um emotionale Reaktionen auszulösen. Der Eindruck von Anteilnahme kann bereits genügen. Viele sichtbare und sprachlich vermittelte Tätigkeiten eines Psychotherapeuten werden dadurch technisch ersetzbar.
Simulation und menschliche Begegnung
Die fortschreitende Simulation zwingt uns dazu, den Unterschied zwischen einer erzeugten Reaktion und einer menschlichen Begegnung genauer zu bestimmen.
Menschen tauschen im selben Raum weit mehr als sprachliche Informationen aus. Wir nehmen Haltung, Muskeltonus, Atmung, Geruch, Blick, Bewegungsrhythmus und räumliche Distanz wahr. Ein großer Teil davon bleibt unbewusst. Unsere körperlichen und emotionalen Zustände beeinflussen sich trotzdem gegenseitig.
Die Forschung beschreibt Teile dieses Geschehens mit Begriffen wie Ko-Regulation, interpersonelle Synchronisation oder physiologische Kopplung. Unser Verständnis dieser Vorgänge ist noch unvollständig.
Im Alltag sprechen Menschen von Atmosphäre, persönlicher Chemie, Resonanz oder Energie. Möglicherweise spielen auch Pheromone und weitere biologische Signale eine Rolle. Wir wissen bislang nicht genau, was alles zu diesem Erleben beiträgt. Die reale Anwesenheit eines Menschen besitzt jedoch eine spürbar andere Qualität als der Kontakt zu einer technischen Oberfläche.
Der Mensch auf der anderen Seite nimmt uns mit seinem eigenen lebenden Organismus wahr. Er wird durch die Begegnung berührt und verändert. Seine Reaktion entsteht in einem wechselseitigen Geschehen, das sich nicht vollständig planen lässt.
Eine KI kann die sichtbaren Ergebnisse dieses Prozesses analysieren und nachahmen. Auf ihrer Seite befindet sich jedoch kein Mensch, der etwas empfindet und sich gemeinsam mit dem Patienten reguliert. Auch biologisches Hautgewebe auf einem Roboter macht aus einem technischen System noch kein lebendes menschliches Gegenüber.
Eine Videositzung mit einem menschlichen Therapeuten erhält Stimme, Mimik und die gewachsene persönliche Beziehung. Ein Teil der gemeinsamen körperlichen und räumlichen Erfahrung fehlt dennoch.
Besonders deutlich zeigt sich das bei der Berührung. In körperorientierten Verfahren kann eine fachlich verantwortete und klar vereinbarte Berührung Informationen vermitteln, die sprachlich nur schwer zugänglich sind. Sie beeinflusst Aufmerksamkeit, Muskeltonus, Atmung, Sicherheitsgefühl und körperliche Orientierung.
Konsequenzen für die therapeutische Landschaft
KI wird künftig erklären, nachfragen, Gespräche strukturieren und einfühlsam reagieren können. Kliniken werden daher neu entscheiden, für welche Aufgaben sie noch menschliche Therapeuten einsetzen.
Der persönliche Kontakt im selben Raum könnte seltener werden. Dabei entstehen gerade dort Erfahrungen, die ein technisches System nicht reproduzieren kann. Die klinische Landschaft sollte diese Ebene deshalb gezielt stärken. Menschlicher Kontakt darf nicht lediglich als hoher Kostenfaktor betrachtet werden, der sich durch effizientere Technik reduzieren lässt.
Auch die Arbeit mit Atmung, Körperspannung, Haltung, Gleichgewicht und Berührung verdient mehr Aufmerksamkeit. Solche Erfahrungen lassen sich beschreiben. Ihre eigentliche Wirkung entsteht in der praktischen und körperlichen Erfahrung.
Die Bedeutung des Lao An Systems
Das Lao An System arbeitet an der Schnittstelle zwischen Psychologie, Körperwahrnehmung und menschlicher Interaktion. Es ist ein eigenständiges Trainingssystem zur Entwicklung von Selbstregulation und funktionaler Körperorganisation. Seine Möglichkeiten reichen von Prävention und Stressregulation über den Umgang mit Schmerzen und körperlichen Einschränkungen bis zur Entwicklung neuer körperlicher Leistungsfähigkeit und eines grundlegend veränderten Körpererlebens. Auch für die klinische Arbeit erschließt das LAS Bereiche, die in einer überwiegend sprachlich und zunehmend digital geprägten Versorgung bislang wenig genutzt werden.
Im LAS lernen Menschen, ihre inneren Zustände differenzierter wahrzunehmen. Sie beobachten den Einfluss von Aufmerksamkeit, Atmung, Gelenkstellung und Spannungsverteilung auf ihr körperliches und psychisches Erleben. Unnötige Haltespannungen können sich lösen und die körperliche Selbstorganisation kann sich verändern.
Eine besondere Rolle spielt die direkte Interaktion. Partnerübungen machen innere Zustände durch Berührung, Druck und Bewegung überprüfbar. Eine Person kann überzeugt sein, vollkommen entspannt und stabil zu stehen. Der Kontakt mit einem anderen Menschen zeigt, ob diese Wahrnehmung mit der tatsächlichen körperlichen Organisation übereinstimmt.
Der Partner ist kein austauschbarer Widerstand. Sein Muskeltonus, seine Aufmerksamkeit, die Qualität seiner Berührung und seine innere Ruhe verändern die gesamte Situation. Beide Personen reagieren fortlaufend aufeinander. Diese reale Rückkopplung bildet einen wesentlichen Teil der Übung.
Eine KI kann solche Vorgänge erklären, analysieren und vielleicht eines Tages erstaunlich genau simulieren. Die lebendige Beziehung zwischen zwei Menschen stellt sie damit noch nicht her.
KI wird einen festen Platz in der psychotherapeutischen und klinischen Versorgung erhalten. Sie kann den Zugang zu Wissen erleichtern, Fachkräfte entlasten und Menschen unterstützen, die andernfalls vollkommen allein blieben. Der mögliche Verlust realer Begegnung wäre jedoch das Ergebnis wirtschaftlicher und organisatorischer Entscheidungen.
Diese Entscheidungen sollten wir treffen, solange menschlicher Kontakt noch selbstverständlich zur Therapie gehört.
[Copyright: Andreas Brandl, 2026.]
Quellen:
Robert Koch-Institut: Depressive und Angstsymptomatik bei Erwachsenen in Deutschland 2024
American Psychological Association: Use of generative AI chatbots and wellness applications for mental health
JAMA Network Open: Large Language Model Influence on Diagnostic Reasoning
Nature Medicine: GPT-4 assistance for improvement of physician performance
Nature: Towards conversational diagnostic artificial intelligence
Flückiger et al.: The alliance in adult psychotherapy
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