16/07/2026
Bevor ein Wald für ein neues Wohngebiet gerodet wird, lohnt es sich, die leer stehenden Gebäude zuerst zu sanieren.
Deutschland verbraucht täglich rund 50 Hektar Landschaft für neue Siedlungs- und Verkehrsflächen. Das Ziel der Bundesregierung lautet: unter 30 Hektar pro Tag bis 2030. Erreicht wird es nicht. Gleichzeitig stehen bundesweit Hunderttausende Gebäude leer: alte Bauernhöfe, aufgegebene Gasthöfe, ehemalige Kasernen und Bürogebäude, Industriebrachen in Stadtlagen, leer stehende Wohnhäuser in Ortskernen.
Was mit jedem Hektar versiegeltem Boden verloren geht: Wissenschaftler des Umweltbundesamtes haben errechnet, dass jeder neu versiegelte Hektar im Durchschnitt 60 Tonnen Kohlenstoff weniger im Oberboden binden kann. Bis zehn Zentimeter fruchtbarer Boden entstehen, vergehen 2.000 Jahre. Einmal versiegelt, gewinnt dieser Boden seine Funktionen nie zurück. Und jeder gerodete Wald unterbricht Biotopverbünde — für Vögel, Fledermäuse, Insekten sind diese Korridore unverzichtbar und durch eine Hecke entlang des Neubaugebietes nicht zu ersetzen.
Der Einwand stimmt: Sanierung kostet pro Quadratmeter mehr als Neubau auf der grünen Wiese. Alte Fundamente, Asbest, veraltete Leitungen und zersplitterte Eigentümerstrukturen sind reale Herausforderungen. Aber: Das leer stehende Gebäude steht bereits in einer fertigen Infrastruktur — Strassen, Kanalisation, Strom, Schulen, Buslinien, alles bereits finanziert und betrieben. Das neue Wohngebiet auf Waldboden braucht all das von Null an — Erschliessungsstrassen, Abwasseranbindung, neue Buslinien und Schulkapazitäten, alles auf Kosten der Kommune, nicht des Investors.
Die EU-Sanierungswelle (Renovation Wave) hat das Ziel, bis 2030 europaweit 35 Millionen Gebäude zu sanieren. Deutschland hat enorme Bestände an sanierbarem Leerstand — und liegt beim Sanierungstempo weit hinter dem, was nötig wäre.
Jedes sanierte Gebäude ist eine neue Wohnung, ohne einen Baum zu fällen, einen Boden zu versiegeln oder eine Wärmeinsel in der Stadt hinzuzufügen.
Es geht nicht darum, zwischen Wohnraum und Wald zu wählen. Es geht darum, zuerst auf die leeren Flächen zu schauen, bevor die grünen angefasst werden.