01/09/2025
Moku 9/25: Das Leben ist bunt
Das Leben ist nicht schwarz, nicht weiß. Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse.
Das Leben spielt sich in den Bereichen dazwischen ab. Dann wird es grau.
Doch wenn man genau hinsieht, so wirklich ganz ganz aus der Nähe, dann blinzeln die Farben hervor ...
In letzter Zeit häufen sich die Fälle von Trennungen und Scheidungen in unserer Umgebung, einerseits beruflich, da hör ich wirklich viel, andererseits privat. Und da ist es dann oft schwer, nicht Partei zu ergreifen, nicht den einen als böse, den anderen als gut zu bezeichnen, nicht schwarz, nicht weiß. Irgendwie möchte man ja weiter Kontakt haben können, doch meist zieht es einen eher zu dem einen/der einen und dann ergreift man doch Partei, schimpft gegen den anderen (oder die ...) und solidarisiert sich.
Es ist wohl eines der schwierigsten Aufgaben im Leben, eine gute Paarbeziehung zu führen. Ständig „muss“ man dran arbeiten, ständig verändert sich einer, wenn man Glück hat beide in die gleiche Richtung, ständig wird die Partnerschaft auf die Probe gestellt. Idealerweise steht am Anfang einer Beziehung die Liebe, meist nach einem mehr oder weniger stürmischen Verliebtsein.
In Bezug auf Paarbeziehungen glaube ich hat sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert. Einerseits lassen sich vor allem Frauen nicht mehr alles gefallen und gehen, wenn es ihnen reicht, was früher undenkbar gewesen wäre, vor allem aus ökonomischen, aber auch religiösen Gründen. Andererseits hat man nicht alle Erwartungen, die man vom Leben und sich hatte, in die Paarbeziehung, in den Partner gesteckt. Ich glaube schon, dass wir heute unrealistisch viel von einer Partnerschaft erwarten. Der Partner, die Partnerin muss alles erfüllen, und das immer, um uns das Gefühl zu geben, alles zu haben, alles zu erreichen und auf nichts zu verzichten. Und wenn diese Parameter nicht mehr erfüllt sind, wird gewechselt, meist der Partner. Storno. Punkt. Früher hat man nicht so viel erwartet, war auch viel mehr damit beschäftigt, die gemeinsame Existenz aufzubauen, die Kinder großzuziehen, die Schulden zurückzuzahlen. Die Paarbeziehung war mehr eine Lebensgemeinschaft, um gemeinsam etwas im Leben aufzubauen und zu erreichen. Und wenn die Liebe dann noch immer wieder hervorlugte, war alles gut.
Ihr kennt sicher auch alte Menschen, über 80, vielleicht 90, die Händchen haltend sich noch immer verliebt anblicken. Nein, es wäre nicht immer leicht gewesen, aber man hätte zusammengehalten, hätte alles gemeinsam durchgestanden, 60, 70 Jahre lang. Wäre sehr stolz auf die Kinder, die Enkel, die Großenkel, auf das Erreichte, und noch immer zusammen.
Und auch an die Liebe stellen wir oft unrealistisch hohe Ansprüche. Die Liebe ist für mich wie Schokolade, wunderbar und köstlich. Und was tun wir heute damit? Wir baden uns darin, tauchen unter und saugen uns voll damit. Dann steigen wir aus der Wanne, sehen, wie verdreckt wir sind, wie schlecht uns ist, duschen uns ab und verdrängen für lange Zeit Schokolade, bis irgendwann wieder der Exzess kommt. So tun wir es doch mit allem, oder? JETZT und GANZ VIEL DAVON und dann sind wir übersättigt, überfressen und stoßen es weg, werfen es in den Mist.
Für mich ist Liebe wie ein Stück Schokolade, auf das man sich die ganze Woche freut und dann am Wochenende genießt. Dabei lässt man das kleine Stück ganz still im Mund liegen, damit es sich nicht gleich auflöst, damit man ein bisschen länger etwas davon hat. Und dann isst man lange nichts nach, stundenlang, damit man den Geschmack nicht verliert, die wunderbare Erinnerung an den Geschmack nicht verdrängt.
Wir wollen auch immer etwas Neues, am besten gleich das Alte auf den Sperrmüll. So machen wir es mit Möbel, Elektrogeräten, Paarbeziehungen, und Jobs. Auch wir haben uns irgendwann entschieden, neue Wohnzimmermöbel zu nehmen. Meine Frau fand die alten Vollholzmöbel, Erbstücke meiner Familie, zu schwer und belastend. Jetzt stehen dort Ikea-Möbel, wunderschön, zeitlos, ohne Vergangenheit, und jetzt, nach nur wenigen Jahren, sind manche Ecken schon abgeschlagen und die Pressholzplatte wölbt sich dahinter hervor ...
Ist es nicht wunderbar, wenn man seinen Partner, seine Partnerin ansieht, die man schon ewig kennt, und SIE sieht, IHN sieht, unabhängig von all der äußerlichen Veränderung, die natürlich bei uns allen stattfindet? Wenn ein Mann, der seit 60 Jahren mit seiner Frau zusammen ist und sagt, dass wenn er sie ansieht noch immer das 16 jährige Mädchen in ihr erkennt? Wenn ich meine Frau ansehen und ALLES sehe, was in all den Jahren passiert ist, was JETZT alles da ist und eben nicht nur das Gesicht des Moments? Bei den neuen Ikea-Möbeln sieht man das nicht, schön, praktisch, aber man sieht nur das Gesicht des Moments, abgetrennt von allem anderen.
Wenn ich von Liebe rede, meine ich die Liebe in einer Zweierbeziehung, egal welchen Geschlechts, nicht die Liebe zu den Eltern oder den Kindern. Diese Liebe hat doch eine ganz eigene Form, eine ganz eigene Ausprägung.
Die Liebe schenkt. Sie fordert nichts zurück.
Das ist für mich eines der wichtigsten Charakteristika. Wenn ich liebe, schenke ich. Bei den Kindern ist das selbstverständlich, in der Paarbeziehung nicht (mehr). Zu sehr denken viele praktisch. Was habe ich davon? Was bleibt mir? Das ist Pragmatismus, ein Geschäft, aber keine Liebe. Vielleicht Selbstschutz, auch wichtig, aber keine Liebe.
Liebe ist, wenn ich in die Augen meines Partners, meiner Partnerin, blicke, und ALLES sehe.
Dort steht es drinnen, dort sieht man die Seele und die Verbindung, WENN man verbunden ist. Wenn nicht, sieht man auch nichts. Das Lächeln an der Oberfläche kann es kaschieren, aber wer liebt, der spürt das.
Beziehung sollte nicht fordern, sondern halten, tragen.
Gerade, wenn man lange zusammen war, trägt die Beziehung viel mehr als es den Anschein hat. Vielleicht sieht man das grad im Alltag nicht, vielleicht sind die Gefühle auch verschüttet von Gram, Ku**er, Trauer und Einsamkeit, Dinge, die passieren können in einer Beziehung, wenn man sie nicht wie eine Pflanze regelmäßig gießt. Trotzdem ist meist etwas da, im Hintergrund, das man spürt, dass man zusammengehört. Dann kann Hilfe von außen die Rettung sein vor dem Sperrmüll ...
Meine Frau möchte nicht, dass ich zu Privates hier kundtue. Aber eines möchte ich Euch doch erzählen, nur so viel, damit ihr versteht ... Gestern haben meine Frau Sandra und ich gestritten, wie es eben so in guten Beziehungen vorkommt, wo man alles aus- und anspricht und das muss ja dem Gegenüber nicht recht sein, was er oder sie gerne lautstark und provokant von sich geben kann, idealerweise nur verbal. Und spannend ist ja, dass man bei einem solchen Streit den Partner WIRKLICH und zutiefst verletzt, verletzten kann, weil er oder sie, in dem Fall Sandra oder ich, ja ALLES über den anderen weiß und GENAU in die Wunden drücken kann, damit es wirklich so richtig weh tut, wohl der genetisch fixierte, biologische Sinn dieses Kampfes, der in unseren Genen steckt, hier in die moderne Zeit als verbale Auseinandersetzung transportiert.
Also, wir hatten die Höhepunkt des Streits bereits überschritten, die Gemüter kühlten sich bereits etwas ab und da sah ich es, in Sandras Augen: diese unendlich tiefe Verbindung zwischen uns, diese unendlich große Liebe, die wir früher als „Seelenverwandschaft“ bezeichnet hatten, und auch wenn Sandra das in dem Moment nicht selbst erkennen konnte, ich sah es und es war mein kleines Stück Schokolade, das ich ganz vorsichtig auf meine Zunge legte, ganz langsam einspeichelte und die Süße ganz langsam auf mich einwirken ließ, so vorsichtig, damit ich gefühlt für die nächsten Jahre davon leben kann. Und ein tiefes Lächeln breitete sich in meiner Seele aus und ein tiefes Vertrauen in und ein tiefer Glaube an unsere gemeinsame Liebe ...
Liebe ist das, was uns lebendig macht, was uns aufweckt und fühlen lässt, was in unserem Körper entsteht und eine unfassbare Meisterleistung desselben für uns und unseren Geist bedeutet. Wer Liebe empfindet und empfinden kann, ist ein glücklicher Mensch. Selbst wenn die Liebe einmal unglücklich ist, gerade nicht erwidert wird, so empfindest Du doch die Liebe, DU in Deinem wunderbaren Körper und Deinem wunderbaren Geist, und das alleine ist ein Geschenk des Himmels und des Lebens an Dich! Also spüre sie, egal, ob glücklich oder unglücklich, spüre, wie Du lebst ...!
Und selbst wenn Du am Sterbebett liegst und Liebe empfindest, selbst die unglückliche oder nicht erwiderte, bist Du ein gesegneter, glücklicher Mensch, weil Du in Liebe von dieser Welt gehen kannst ...
Wir alle müssen einfach lernen, ein wenig von unserem Ego, ein wenig von unserem Leistungsdenken, selbst in der Liebe und in Beziehungen, zurückzutreten. Und wir müssen lernen, dass Dinge, die lange bestehen, eine Geschichte haben, welche verloren geht, wenn man sie ersetzt, sei es bei Möbeln oder bei Menschen.
Das Leben ist bunt,
darf es sein,
soll es sein ...
Euer
Georg Weidinger