25/08/2026
Liebende Güte heißt nicht, alles zuzulassen
Wir hören es immer wieder: Wenn du spirituell unterwegs bist, dann sollst du dich öffnen, dann sollst du in die Verbindung gehen. Du sollst die liebende Güte üben, du sollst im Fluss des Lebens sein. Das stimmt, und es hört sich auch sehr gut an. Manchmal aber sagt der Buddha genau das Gegenteil. Wahre liebende Güte bedeutet, dass wir genau hinschauen und dass destruktive Strukturen, destruktive Muster nicht weitergelebt werden.
Wir alle tragen ein Ego in uns, und dieses Ego will sich immer wieder austoben. Es will dem anderen den Schmerz zufügen, den du selbst in dir spürst. Über diese Verletzung erzwingen wir Nähe. Wir wollen, dass dein Partner, dass deine Mitmenschen genau das spüren, was in dir vorgeht. Genau darin liegt das Paradox, und dennoch ist es stimmig, weil es zutiefst menschlich ist. Aus der Sicht des Egos entsteht Verbindung eben auch über Drama, über Reaktion, über Intensität. Hauptsache, man spürt den anderen, oder der andere soll genau spüren, wie es dir geht.
Deshalb lautet die Frage hier nicht: liebende Güte üben oder Grenzen setzen? Die Frage lautet vielmehr: Möchtest du das Muster weiter aufrechterhalten, oder möchtest du, dass das Leben wieder in seinen Fluss kommt?
Viele Verbindungen entstehen aus der Verletzung heraus. Über die Verletzung will man den anderen bestrafen, ihn kontrollieren, ihn zwingen, ihm zeigen, wie sehr es weh tut, damit er selbst sieht, was in dir geschieht. Doch das ist nur dasselbe Muster in einem neuen Gewand.
Wenn du aber aus der Klarheit heraus handelst, aus der Ruhe, ohne Groll und ohne das Bedürfnis nach einer Reaktion, dann ist das kein Bruch in der liebenden Güte, sondern ihr wahrer Ausdruck: wahres Mitgefühl, wahre liebende Güte. Dann schützt du den anderen und dich selbst davor, dass das destruktive Muster in dieser Beziehung weitergelebt wird.
Liebende Güte heißt nicht, alles zuzulassen. Sie heißt, ohne Rachebedürfnis zu handeln, selbst dann, wenn das Handeln ein klares Nein ist. Manchmal ist die liebevollste Geste nicht die offene Umarmung. Manchmal ist es die Grenze, die sagt: Ich sehe dich, und trotzdem bis hierhin und nicht weiter.
Mögen wir so viel Klarheit haben, dass wir den Menschen mit offenem Herzen begegnen. Und mögen alle destruktiven Muster durch unsere Weisheit transformiert werden.
Mögen alle Menschen glücklich sein. Mögen alle Menschen frei von Leid sein.
Thay Thien Son, 24.08.26