19/06/2026
Stress war nie das Problem.
Stress war meine Lösung.
Ich habe mir über Jahre beigebracht, dass ich unter Druck besser funktioniere. Wenn die Zeit knapp wurde, war ich plötzlich fokussiert und konnte in wenigen Stunden Ergebnisse produzieren, für die ich vorher tagelang keinen richtigen Zugang gefunden hatte.
Das Gefährliche daran war: Es hat oft funktioniert.
Also habe ich Dinge unbewusst immer wieder bis auf den letzten Drücker aufgeschoben. Nicht, weil ich dachte, dass ich es nicht schaffe, sondern weil ich wusste, dass ich es schaffe. Ich hatte schließlich genug Beweise dafür.
Kurz vor der Deadline kam die Energie. Ablenkungen wurden unwichtig und plötzlich war da dieser Tunnel, in dem einfach geliefert wurde.
Mein Gehirn hat dadurch gelernt: Du musst noch nicht anfangen. Der Stress wird dich später schon retten.
Psychologisch ergibt das sogar Sinn. Ein gewisses Maß an Druck kann kurzfristig Fokus und Leistung erhöhen. Und jedes Mal, wenn ich trotz Aufschieben rechtzeitig fertig wurde, hat sich dieses Verhalten weiter bestätigt.
Nur hat es eben nicht immer funktioniert.
Manche Dinge wurden zu spät fertig, andere unnötig hektisch. Die Ergebnisse waren vielleicht gut, aber der Preis dafür war oft viel zu hoch.
Irgendwann war ich nicht mehr nur gestresst, weil viel zu tun war. Ich war gestresst, weil ich Stress brauchte, um überhaupt richtig loszulegen.
Und genau diese Abhängigkeit hat mich kaputtgemacht.
Ich musste lernen, mich nicht mehr auf die letzte Panikwelle zu verlassen. Heute erstelle ich früher eine erste unfertige Version, setze mir interne Deadlines vor der echten Deadline und plane bewusst Zeit für Korrekturen ein.
Vor allem warte ich nicht mehr darauf, dass etwas dringend wird, bevor ich es ernst nehme.
Denn unter Druck liefern zu können, ist eine Stärke.
Es sollte nur nicht die einzige Art sein, wie du Ergebnisse produzierst.