10/06/2026
Selbstverantwortung in der Gesundheit
"Viel besser ist es, Sie bringen einen abgearbeiteten Menschen nicht in ein Sanatorium, sondern in ein Milieu, wo er Freude hat, zuerst seelische Freude, aber auch physische Freude. Den Menschen in ein Milieu der Freude zu bringen, wo bei jedem Schritt das innere Gefühl der Freude wach wird, das ist es, was ihn gesund macht, wenn er etwa die Sonnenstrahlen durch die Bäume fallen sieht, die Farben und den Duft der Blumen wahrnimmt. Das muss aber der Mensch selbst fühlen können, so dass er seine Gesundheit selbst in die Hand nehmen kann. Jeder Schritt soll ihn anregen zu innerer Tätigkeit. Paracelsus tat den schönen Ausspruch: Es soll jeder am besten er selbst, seiner selbst und keines andern sein. - Es ist schon eine Beschränkung dessen, was uns gesund macht, wenn wir erst zu einem andern gehen müssen. Da stehen wir schon den äußeren Eindrücken gegenüber, die wohl für kurze Zeit Erfolg zu haben scheinen, aber schließlich gerade zur Hysterie führen.
Kritik am Kurierfieber
Wenn man die Sache so betrachtet, so kommt man auf andere gesunde Gedanken. Es gibt heute Menschen und auch Ärzte, besonders Laienärzte, die einen Kampf führen gegen die Schulmedizin. Es ist ja eine Reform der Medizin nötig, aber das kann nicht durch diese Kämpfe geschehen, sondern geisteswissenschaftliche Tatsachen müssen in die Wissenschaft selbst gelangen. Die Geisteswissenschaft ist aber nicht dazu da, den Dilettantismus zu fördern. Es gibt heute Menschen, die das Kurierfieber haben. Es ist ja sehr leicht, bei einem Menschen die und die Krankheit zu finden. Da findet einer, dass dieses oder jenes Organ nicht so ausschaut, wie bei einem andern. Da atmet einer nicht so, wie der vom Kurierfieber Ergriffene meint, dass alle atmen müssen. Und dann muss kuriert werden! Schauderhaft, höchst schauderhaft! Denn darum handelt es sich gar nicht, dass man auf einen schablonenhaften Begriff der Gesundheit hinarbeitet. Es ist sehr leicht zu sagen, das und das entspricht der Gesundheit nicht. Da ist jemandem ein Bein abgefahren; der ist krank, sicher kränker als einer, der unregelmäßig atmet, der an der Lunge krank ist. Es handelt sich aber nicht darum, diesen Menschen zu kurieren. Es wäre töricht zu sagen: Man muss sehen, dass dieser Mensch wieder zu seinem Bein kommt! - So machen Sie ihm doch sein Bein wachsen! Es handelt sich vielmehr darum, ihm das Leben so erträglich wie möglich zu machen.
Individuelle Fehler und Anpassung
Das ist so im Groben; im Feineren ist es aber dasselbe. Denn bei jedem Menschen könnte man irgendwo einen kleinen Fehler finden. Auch hier handelt es sich manchmal gar nicht darum, den Fehler zu beheben, sondern darum, dem Menschen trotz des Fehlers das Leben so erträglich als möglich zu machen. Denken Sie sich eine Wunde am Stamm einer Pflanze. Da wachsen die Gewebe und die Rinde um die Wunde herum. Ähnlich ist es auch beim Menschen. Die Kräfte der Natur erhalten das Leben, indem sie herumwachsen um den Fehler. In diesen Fehler, alles kurieren zu wollen, verfallen hauptsächlich die Laienärzte. Sie wollen allen Menschen die eine Gesundheit anzüchten. Aber die eine Gesundheit gibt es so wenig wie den einen normalen Menschen. Nicht nur die Krankheiten sind individuell, sondern auch die Gesundheiten. Das Beste, was wir dem Menschen geben können, sei es als Arzt, sei es als Ratgeber, ist, ihm die feste Empfindung zu geben, dass er sich selbst behaglich fühlt, wenn er gesund, unbehaglich, wenn er krank ist. Das ist heute gar nicht so leicht bei unseren Verhältnissen. Am meisten wird einer, der die Sache versteht, sich vor solchen Krankheiten fürchten, die nicht durch Müdigkeit und Schmerzen zum Ausdruck kommen. Deshalb ist es so schlimm, sich mit Morphium zu beruhigen. Gesund ist es, wenn Gesundheit Lust, Krankheit Unlust bringt. Diese gesunde Lebensweise können wir erst erwerben, wenn wir uns innerlich stark machen. Das tun wir, wenn wir den komplizierten Verhältnissen auch ein starkes Inneres entgegensetzen. Das Gesundheitsfieber wird erst aufhören, wenn die Menschen nicht mehr nach der Gesundheit als solcher streben. Der Mensch muss fühlen und empfinden lernen, ob er gesund ist, und dass man fehlendes Wohlbefinden leicht ertragen kann. Das ist nur möglich durch eine starke Weltanschauung, die bis in den physischen Körper wirkt. Sie stellt die Harmonie her. Eine solche Weltanschauung hängt aber nicht von äußeren Eindrücken ab. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung führt den Menschen in Gebiete, die er nur erreichen kann, wenn er innerlich tätig ist. Man kann nicht ein geisteswissenschaftliches Buch lesen, wie man andere Bücher liest. Es muss so geschrieben sein, dass es die Eigentätigkeit hervorruft. Je mehr man sich selbst abplagen muss, je mehr zwischen den Zeilen steht, desto gesünder ist es. Das betrifft nur das theoretische Gebiet. Die Geisteswissenschaft wirkt aber auf allen Gebieten."
(Die Erkenntnis der Seele und des Geistes - GA 56, 05.12.1907, Dornach 1985, S. 222–224)
Die Vortrags-Texte stammen aus frei im Internet verfügbaren Versionen der GA. Diese wurden in Obsichan importiert, strukturiert und mit KI-generierten Zusammenfassungen und Zwischenüberschriften versehen.