12/05/2026
Körperschmerz - Seelenschmerz: Die Psychosomatik des Bewegungssystems.
„So kam im Jahre 1991 eine 40 jährige Patientin direkt aus der orthopädischer Behandlung keine Besserung ihrer chronischen Rückenschmerzen erfahren hatte, in ein Rückenseminar. Sie war wegen vieler Jahre anhaltender Rückenschmerzen an einem Bandscheibenvorfall L1-L2 (zwischen dem ersten und zweiten Lendenwirbel) operiert worden, aber trotz der Operation nie mehr schmerzfrei.
Die ersten beiden Tage verbrachte die Patientin nur liegend in der Gruppe. Andere Gruppenmitglieder und auch ich selbst halfen ihr bei der Lagerung und bei Lagewechsel und deckten sie liebevoll zu. Es war der Patientin anzusehen, wie schmerzvoll jede Bewegung für sie war. Schmerz, Trauer, ja Verzfeiflung spiegelten sich in ihrem Gesicht wieder. Dennoch nahm die Patientin aufmerksam, wenn auch schweigend, am Gruppengeschehen teil.
Am dritten Tag jedoch wurde die Patientin unerwartet von starken Gefühlen der Verlassenheit und von Ängsten überfallen, ja schier überwältigt. Unter heftigen Weinen berichtete sie dann, das sie ein Findelkind war. Als neugeborene sei sie auf der Treppe eines städtischen Waisenhauses abgelegt worden. Ihre Kindheit hatte sie unter körperlichen Misshandlungen und seelischer Pein in Pflegefamilien durchlitten.
Trotz dieses traurigen Schicksals war es der Patientin möglich, Vertrauen zu mir zu fassen und in eine leibtherapeutische Arbeit einzuwilligen, deren Ziel es war, zu versuchen, ihr auf diesem Wege verdrängte Ursachen für Ihre chronischen Rückenbeschwerden bewusst zu machen.
Ich legte meine Hände behutsam auf ihren schmerzenden Rücken. Während ich dies tat und dann sanft mit meinen Händen über ihren Rücken strich, wurde ihr ganzer Körper von wellenförmigen Stößen und einem tiefen Schluchzen erfasst, wie ich es nur bei Säuglingen kenne. Ich fühlte wie sich ihre bislang seilartig angespannte Rückenmuskulatur allmählich unter der sanften Berührung meiner Hände zu lösen begann und weicher wurde. Schließlich nahm ich sie bergend in meine Arme und tröstete sie, bis ihr Weinen versiegte. Eingehüllt in Decken ruhte sich die Patientin im Schoß der Therapeutin aus. Eine halbe Stunde später schlug sie die Decken zurück, öffnete die Augen und blickte, so als ob sie aus einem Traum erwacht, mit gelösten Gesichtszügen um sich.
Auch fünf Jahre später nach diesem Seminar ging es ihr insgesamt gesehen gut: In der Regel war sie schmerzfrei. Ihre Rückenschmerzen meldeten sich immer nur dann, wenn sie unter starkem äußerem Druck stand, wie bei finanziellen Sorgen oder bei schwierigen, konflikthaften Beziehungen.“
Körperschmerz - Seelenschmerz: Die Psychosomatik des Bewegungssystems. Ein Leitfaden" von Peter Heinl untersucht die komplexen Zusammenhänge zwischen körperlichen Beschwerden und seelischen Belastungen, insbesondere im Kontext des menschlichen Bewegungssystems. Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über psychosomatische Erkrankungen, bei denen körperliche Schmerzen durch psychische Faktoren beeinflusst oder verursacht werden können. Heinl erklärt, wie emotionale Konflikte und Stress zu Muskelverspannungen und anderen Beschwerden führen können. Er gibt praxisnahe Ratschläge für Therapeuten und Betroffene, um diese Verbindungen zu erkennen und ganzheitliche Ansätze zur Linderung der Symptome zu entwickeln. Der Leitfaden zielt darauf ab, ein tieferes Verständnis für die Interaktion zwischen Körper und Seele zu fördern und Wege zur Heilung aufzuzeigen.