Tiergesundheit NRW

Tiergesundheit NRW Tierheil- & Tierphysiotherapiepraxis für Pferde, Hunde und Katzen

Termine nach Absprache Termine nach Absprache.

27/07/2026

Mal wieder etwas , was im Laufe meiner Recherchen als Thema aufgetaucht ist und meiner Meinung nach eine eigene ausführliche Ausarbeitung braucht.
Denn so viele anscheinend allgemeingültige Aussagen sind in Wahrheit vielschichtiger als sie erst den Anschein haben.
Es geht um Proteinbedarf und Raufutterqualität und warum einfaches addieren und Analysewerte hier so irreführend sind.

Wenn zu viel des Guten schadet: Protein im Überschuss und warum trotzdem manches proteinarme Heu problematisch ist.

Früher hieß es immer Pferdeheu ist strukturreich und eiweißarm und man füttert Pferden nur (späten) ersten Schnitt.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert, was mich ziemlich perplex gemacht hat, bs ich anfing mich mit den Folgen der modernen Fütterung auf die mikrobielle Verdauung des Pferdes in Blinddarm und Dickdarm zu beschäftigen.

Und heute möchte ich diese zwei Aspekte davon aufgreifen, die als allgemeingültige Aussagen in der Pferdewelt verbreitet werden und dabei sehr viel komplexer sind als sie auf den ersten Blick erscheinen.

Denn die alte Aussage über Pferdeheu galt für artenreiche extensiv bewirtschaftetes Dauergrünland und nicht für überständige ausgelaugte quasi Monokultur, die heutzutage oft anzutreffen ist, wenn es nach Analyse proteinarmes Heu gibt.

So für Wiederkäuer nicht wirklich zu verwenden, aber noch teuer an Pferdeleute zu verkaufen, weil es ja die entsprechenden empfohlenen Analysewerte für diese gibt.

Kein Wunder, dass sich der Tenor dann mit der Zeit änderte.

Aber auch das ist nicht unproblematisch.

Denn Protein ist für viele heutzutage etwas, dass man Pferden ja selbst Ponys quasi nicht genug füttern kann.

Zu viel Stärke? Das hat jeder im Blick. Zu viel Zucker? Dauerthema.
Aber Eiweiß? Das braucht das Pferd doch. Im Zweifel lieber etwas mehr.

Früher war das wie gesagt anders, da hieß es immer Pferdeheu ist strukturreich und eiweißarm und man füttert Pferden nur (späten) ersten Schnitt. Das stimmte so lange es von entsprechenden Flächen kam.

Aber einfach mehr Protein füttern macht auch Probleme und das mittlerweile flächendeckend:

In einer Untersuchung an Pferdebetrieben lag die Rohproteinaufnahme im Mittel bei 157 % der Empfehlung. Ein Überschuss ist also nicht der Ausnahmefall, sondern mittlerweile der Normalzustand.

Was aber so gut wie nicht beachtet wird, der Dünndarm des Pferdes ist gar nicht dazu ausgelegt, dieses mit allem benötigten Protein zu versorgen.
Er kann es auch gar nicht allein.

Die Folge:
Verschiebung des Mikrobiom in Richtung proteolytischer also eiweißspaltender Bakterien und Überlastung der Leber mit Ammoniak.
Dadurch entsteht dann letztendlich wieder ein Mangel am verfügbaren Gesamtprotein, da die Leber den Großteil der benötigten nicht-essentiellen Aminosäuren bildet.
Ist sie überlastet, wird diese Synthese beeinträchtigt.

1. Die Kapazitätsgrenze

Der Dünndarm des Pferdes ist ein Nadelöhr. Die Passage ist schnell, die enzymatische und die Transportkapazität sind begrenzt. Von Raufutterprotein wird nur ein kleinerer Teil präzäkal (also vor dem Blinddarm)aufgeschlossen.

Untersuchungen zur Heuproteinverdauung ergaben eine echte präzäkale Stickstoffverdaulichkeit von etwa 27 bis 41 %.
Bei Kraftfutter liegt sie deutlich höher, mit rund 58 bis 72 % für Getreidekonzentrate, aber auch dort ist die Aufnahme allein mengenmäßig nicht beliebig steigerbar.

Was diese Grenze überschreitet, verschwindet nicht. Es wandert weiter in die sekundäre Gärkammer von Blinddarm und Dickdarm.

2. In der sekundären Gärkammer ist Protein das falsche Substrat

Peptide (Eiweißbruchstücke aus bis zu 50 -100 Aminosäuren) sind ein universell verwertbares Futter.

Bei der Untersuchung von Bakterienisolaten aus dem Blindarm adulter Pferde wuchsen sämtliche Isolate auf Pepton als alleiniger Stickstoffquelle, aber nur 17,9 % auf Harnstoff und 20,5 % auf Ammoniak.

Diese Zahlen beschreiben das Problem präzise.

Ein Substrat, das jeder verwerten kann ist von allen begehrt und bevorteilt damit im Ergebnis die schnell wachsenden opportunistischen und proteolytischen Bakterienarten.

Die (erwünschten) fibrolytischen also Zellulosefaser spaltenden Spezialisten haben davon nichts.
Sie wachsen langsam und haben ein enges pH-Optimum, sie brauchen Anheftungsfläche und eine längere Verweildauer im Darm.
Daher verlieren sie jeden Wettbewerb, der über Wachstumsgeschwindigkeit entschieden wird.

Die Folge ist eine schrittweise Verschiebung des Ökosystems weg von der Faserverdauung hin zur proteolytischen Fehlgärung mit allen Konsequenzen, die ich hier schon vor kurzem ausführlich beschrieben habe:

-weniger Butyrat für die Darmschleimhaut
-weniger Acetat als universeller Treibstoff
-weniger Propionat als Glukosevorstufe und Kohlenstofflieferant für die Aminosäuresynthese.

3. Die Abbauprodukte

Proteolytische (eweißverdauende) Fermentation liefert nicht nur Ammoniak. Es entstehen ebenso biogene Amine wie Putrescin, Cadaverin und Tyramin, verzweigtkettige Fettsäuren, Phenole, Indole und p-Kresol.
Ein Teil dieser Verbindungen wirkt direkt auf das Darmepithel und begünstigt genau die Barrierestörung, die den Anfang der Selbstverstärkungsschleife der Folgen der Dysbiose bildet.

4. Das eigentliche Paradox: Die Leber wird gegen sich selbst beschäftigt

Der resorbierte Ammoniak gelangt über die Pfortader in die Leber und muss dort im Harnstoffzyklus entsorgt werden. Das kostet Energie — pro Molekül Harnstoff mehrere ATP-Äquivalente.

Und es kostet Kapazität an genau der Stelle, an der sie gebraucht würde:

Die Leber ist das Organ, das aus Ammonium und den Kohlenstoffgerüsten der Fermentation der nicht-essentiellen Aminosäuren zusammensetzt.
Wird sie mit der Entgiftung eines Stickstoffüberschusses ausgelastet, leidet die Syntheseleistung und damit die Versorgung genau der Baustoffe, die mit der Proteinzulage eigentlich unterstützt werden sollte.

Hinzu kommt ein zweiter, oft übersehener Effekt:

Das körpereigene Harnstoff-Recycling ist bedarfsgesteuert.
Bei knapper Stickstoffversorgung steigt die Rückführung von Blutharnstoff in den Darm, bei Überschuss sinkt sie.
Ein dauerhaftes Überangebot schaltet also die eine Stickstoffquelle ab, die das Pferd selbst regulieren kann und ersetzt sie durch eine, über die es keine Kontrolle hat.
Fehlt dann plötzlich die Versorgung von außen können die körpereigenen Regulationsmechanismen nicht mehr optimal ausgleichen.

Zugespitzt: Die Proteinzulage soll Aminosäuren liefern. Tatsächlich beschädigt sie das Mikrobiom, das die Vorstufen bereitstellt, blockiert die Leber, die daraus synthetisiert, und regelt den einzigen selbstgesteuerten Stickstoffweg herunter.

5. Was messbar folgt

Überschüssige Aminosäuren werden nicht gespeichert. Sie müssen abgebaut und als Harnstoff ausgeschieden werden, und das ist ein energieaufwendiger Prozess.

Bei adulten Pferden, die eine proteinreiche Ration mit 16,6 % Rohprotein — etwa 160 % des Bedarfs — bei gleichzeitig höherer Energiezufuhr erhielten, blieb der Zuwachs gegenüber der Kontrollgruppe mit 12,5 % Rohprotein aus.
Dieselben Tiere zeigten auch erhöhte Wasseraufnahme, erhöhte Stickstoffausscheidung und größere Harnvolumina.
Für Sportpferde bedeutet das zusätzliches Wassergewicht im Training.
Eine proteinreiche Fütterung führte zudem zu einem niedrigeren Blut-pH in Ruhe und unter Belastung — was bei einer Tierart, die unter Belastung ohnehin Laktat produziert, kein erwünschtes Resultat ist.

Und schließlich verlässt der überschüssige Stickstoff das Pferd nicht spurlos: Die Ammoniakbelastung der Stallluft reizt Augen und Atemwege von Pferd und Mensch

6.Proteinmangel

Damit ist natürlich nicht gemeint zu wenig Protein zu füttern, nur dass dies nicht so schnell passiert wie aktuell oft postuliert wird.
Eine echte unzureichende Proteinversorgung hat ihre eigenen, gut dokumentierten Folgen: von Huf- und Fellqualität über Wachstumsstörungen bis zu Auswirkungen auf Trächtigkeit und Laktation.

Entscheidend ist dabei auch, dass ein solcher Mangel nicht nur durch eine zu geringe Proteinaufnahme entstehen kann.
Die ausreichende Aminosäureversorgung ist an drei Voraussetzungen gekoppelt und diese müssen gleichzeitig erfüllt werden.

1. funktionierende Faserfermentation, die die Kohlenstoffgerüste liefert,
2. intaktes Harnstoff-Recycling als regulierter Stickstoffquelle
3. einer funktionsfähige Leber, die nicht mit anderem ausgelastet oder gar überlastet ist.

Kommt es hier zu Störungen, entsteht ein Aminosäurenmangel trotz eigentlich ausreichender Proteinversorgung.

Ein Proteinüberschuss kann aber genau diese drei Voraussetzungen schädigen:

Er verschiebt das Mikrobiom so dass es weniger faserfermentierende Bakterien enthält,
er regelt das Harnstoff-Recycling herunter und er bindet Leberkapazität im Harnstoffzyklus.

Daher kann mehr Protein füttern letztendlich sogar dazu führen, dass das dem Pferd zur Verfügung stehende Eiweiß insgesamt sinkt.

Ein Pferd kann also mit nicht-essentiellen Aminosäuren unterversorgt sein, weil es zu viel Gesamtprotein bekommt..

Das ist kein Widerspruch, sondern die Folge eines Systems, das seine Aminosäuren nicht aufnimmt, sondern herstellt.

Und nicht-essentiell bedeutet keineswegs nicht notwendig, nur dass diese Aminosäuren vom Körper selbst hergestellt werden könne. Fehlen sie, weil dies nicht geleistet wird kann ihr Mangel sich sehr problematisch auswirken

Wie bescheiden der eigentliche Bedarf ist, zeigt die Größenordnung:
Für die Erhaltung eines adulten Pferdes werden rund 1,26 g Rohprotein je Kilogramm Körpermaße und Tag angesetzt.
Diese Menge liefert ein extensiver Aufwuchs, wenn er in der Menge und über die Fresszeit angeboten wird, für die er gedacht ist — großzügig und weitgehend durchgehend verfügbar.

Die Proteinversorgung ergibt sich immer aus Gehalt und Aufnahmemenge; ein energiearmes, strukturreiches Grundfutter setzt eine entsprechende Fütterung voraus.
Aber diese Art der Fütterung wird auch für die gesamte Verdauungsphysiologie des Pferdes benötigt.
Denn auch der Magen und die Mikroorganismen der sekundären Gärkammer sind auf Dauerversorgung ausgelegt und können durch lange Fresspausen und zu wenig Futter geschädigt werden.

Wer es rationiert wie ein Kraftfutter, verwendet es entgegen seiner Bestimmung und die Folgen gehen weit über einen etwaigen Proteinmangel hinaus
Für Fohlen, Jungpferde im Wachstum, tragende und laktierende Stuten sowie Pferde in intensiver Arbeit liegt der Bedarf über dem Erhaltungsniveau; hier ist die Ration entsprechend anzupassen, aber dabei immer darauf zu achten, dass die Dünndarmverdaulichkeit möglichst hoch ist um das Dickdarmmikrobiom nicht zu verschieben.

7. Was daraus für die Grundfutterwahl folgt

An dieser Stelle wird aus Physiologie eine praktische Empfehlung: strukturreiches, eiweißarmes Heu, erster Schnitt, nicht vor der Blüte geschnitten, von extensiv bewirtschafteten Flächen.

Diese Empfehlung wird gelegentlich mit dem Einwand angegriffen, spät geschnittenes Heu sei stärker verholzt und damit schlechter verwertbar.
Der Einwand ist berechtigt, aber nur für eine bestimmte Art der Raufuttergewinnung, nämlich jene die auf Monokultur mit intensiver Bewirtschaftung setzt und genau diese ist für Pferde allgemein denkbar schlecht geeignet.

Der Proteingehalt (und auch die Rohfaser) ist nicht das alleinige Erkennungsmerkmal eines passenden Pferdeheus.

Ein niedriger Rohproteingehalt entsteht auf einer ungedüngten, artenreichen Fläche von selbst.

Er ist die messbare Folge dessen, worauf es eigentlich ankommt:
kein hoher Stickstoffeintrag, ausgereifter Aufwuchs, hoher Anteil an Strukturkohlenhydraten.

Wer stattdessen den Analysewert selbst zum Ziel erklärt, kann ihn auch anders erreichen durch stark überständiges Heu von Intensivgrünland.

Das sieht in der Analyse ähnlich aus und ist fütterungsphysiologisch etwas völlig anderes, als ein Bestand dessen Eiweißgehalt niedrig ist, weil er extensiv bewirtschaftet wird.

Warum „nach der Blüte" auf einer artenreichen Fläche etwas anderes bedeutet.

In einem artenarmen Ansaatbestand blühen alle Pflanzen annähernd gleichzeitig; ein später Schnitt liefert dort einheitlich überständiges Material.

In einem artenreichen Bestand durchlaufen die Arten ihre Entwicklungsstadien zeitlich versetzt. Zum Schnittzeitpunkt stehen einige bereits in der Samenreife, andere in der Blüte, wieder andere im vegetativen Stadium.

Der Aufwuchs enthält deshalb nicht einen einheitlichen Reifegrad, sondern ein Spektrum und damit ein Spektrum an Zellwandarchitekturen, Verholzungsgraden, Pektinanteilen und daraus folgend auch Fermentationsgeschwindigkeiten.

Dieses Spektrum ist der eigentliche Wert.
Denn die fibrolytischen Bakterien sind sogenannte obligate Adhärenten:
Sie können Zellulose nicht aus der flüssigen Phase heraus abbauen, sondern müssen sich an die Faseroberfläche anheften.
Ein Faserpartikel ist für sie nicht nur Nährstoff, sondern Lebensraum.

Und weil sie zu den langsam wachsenden Arten gehören, brauchen sie Partikel, die lange genug in Blind- und Dickdarm verbleiben, um besiedelt zu werden.
Grobe, persistente Struktur verlängert die Verweildauer und schützt damit genau diese Gruppe, die bei schneller Passage als erste verloren geht.

Ein Aufwuchs mit breitem Reifespektrum liefert beides gleichzeitig: schnell fermentierbare Anteile für die laufende Versorgung und langsam abbaubare, persistente Anteile als dauerhafte Besiedlungsfläche.

Warum erster Schnitt traditionell in vielen Regionen das alleinige Pferdefutter war.

Er bildet die vollständige Vegetationsperiode ab und enthält den größten Artenreichtum und die höchste Strukturvielfalt.
Folgeschnitte sind Wiederaustrieb: vegetativ, blattreich, proteinreicher und strukturärmer. Sie haben also gerade das schmale Substratspektrum, das vermieden werden soll.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Befund aus der Bedarfsforschung.
Als die Indikator-Aminosäuren-Oxidation, der methodische Goldstandard der Bedarfsermittlung, bei Pferden auf Lysin und Threonin angewendet wurde, ließ sich in beiden Fällen kein Bedarfsknickpunkt identifizieren.
Als eine mögliche Erklärung wird die Versorgung mit hochwertigem Raufutter genannt.

Und bei Pferden auf gutem Raufutter verbesserte eine Supplementierung mit Threonin, Lysin und Methionin weder die Proteinsynthese noch die Stickstoffretention.

Übersetzt: Man hat den tatsächlichen Bedarf mit der besten verfügbaren Methode um den Punkt an dem ein Mangel einsteht versucht herauszufinden und ihn bei mir gutem Raufutter versorgten Pferden eben nicht auffinden können.

Zusammengefasst:
Die klassische Empfehlung proteinarm und rohfaserreich zielt nicht auf einen Analysewert, sondern auf ein Gesamtbild:
Artenreich, ungedüngt, ausgereift, erster Schnitt.

Der niedrige Proteingehalt ist dessen Begleiterscheinung, die Strukturvielfalt sein eigentlicher Wert — und der Verzicht auf Stickstoffdüngung und Pflanzenschutzmittel reduziert zugleich die Gefahr für zwei der drei Faktoren die die körpereigene Proteinversorgung stören können.
Schädigung des Mikrobioms und Überlastung der Leber.

Quellenangaben stelle ich nachher in die Links.
Jetzt muss ich noch das Tageslicht nutzen. 😉

Adresse

Marler Str. 185b
Herten
45701

Öffnungszeiten

Montag 08:00 - 18:00
Dienstag 08:00 - 18:00
Mittwoch 09:00 - 20:00
Donnerstag 08:00 - 18:00
Freitag 08:00 - 16:00
Samstag 09:00 - 14:00

Telefon

+491784553140

Webseite

Benachrichtigungen

Lassen Sie sich von uns eine E-Mail senden und seien Sie der erste der Neuigkeiten und Aktionen von Tiergesundheit NRW erfährt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht für andere Zwecke verwendet und Sie können sich jederzeit abmelden.

Verknüpfungen

Teilen