01/09/2026
Darf gerne geteilt werden. Bundeskanzleramt
Bundeskanzler
Friedrich Merz
Willy-Brandt-Straße 1
10557 Berlin
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
ich muss gestehen: Ihre öffentlichen Äußerungen über das deutsche Gesundheitswesen haben mich erschrocken – und ehrlich gesagt auch ziemlich verärgert.
Offenbar sind wir, die im Gesundheitswesen täglich dafür sorgen, dass dieses System überhaupt funktioniert, inzwischen zu „Nutznießern“ geworden. Interessante Wortwahl.
Ich frage mich allerdings: Geht’s noch?
Während der Corona-Pandemie waren die Menschen im Gesundheitswesen plötzlich „systemrelevant“. Wir haben gearbeitet, als andere zu Hause bleiben konnten. Wir haben dafür gesorgt, dass die medizinische und gesundheitliche Infrastruktur in Deutschland nicht zusammengebrochen ist. Wir haben Menschen versorgt, behandelt, gepflegt und begleitet – und das unter Bedingungen, die alles andere als einfach waren.
Haben Sie das vergessen?
Oder ist „systemrelevant“ offenbar nur so lange ein ehrenvoller Begriff, wie man diejenigen beklatschen kann, die dahinterstehen?
Heute scheinen wir plötzlich die „Nutznießer“ eines Systems zu sein, das wir tagtäglich am Laufen halten. Eine bemerkenswerte Entwicklung.
Sie haben sich freiwillig dafür entschieden, Bundeskanzler zu werden. Dieses Amt bringt nicht nur Macht, Einfluss und öffentliche Aufmerksamkeit mit sich, sondern auch Verantwortung – und vor allem die Fähigkeit, Kritik auszuhalten.
Wer austeilt, sollte auch einstecken können.
Und wer Bundeskanzler ist, sollte nicht bei jeder kritischen Stimme verbal um sich beißen. Das ist eines so hohen Amtes schlicht nicht würdig.
Ich selbst liebe meinen Beruf als Therapeut und Podologe. Ich bin gut in meinem Beruf und übe ihn mit Überzeugung aus. Deshalb lasse ich mir nur ungern von einem Politiker erklären, dass diejenigen, die täglich Patienten versorgen, behandeln und sich um Menschen kümmern, lediglich „Nutznießer“ des Systems seien.
Gestatten Sie mir deshalb eine vielleicht etwas provokante Frage:
Waren Sie eigentlich ein besonders guter Rechtsanwalt – oder warum sind Sie in die Politik gegangen?
Vielleicht, weil die Politik ebenfalls ein interessantes System ist, von dem man profitieren kann?
Keine Sorge, Herr Merz – das ist Ironie.
Aber genau diese Art von zugespitzter Betrachtung haben Sie mit Ihren Äußerungen gegenüber den Beschäftigten im Gesundheitswesen selbst eröffnet.
Und noch eine kleine politische Erinnerung sei erlaubt: Sie wurden nicht in einer direkten Volkswahl zum Bundeskanzler gewählt. Ihre Wahl zum Bundeskanzler erfolgte durch den Deutschen Bundestag auf Vorschlag des Bundespräsidenten. Und selbst im ersten Wahlgang erhielten Sie zunächst nicht die erforderliche Mehrheit.
Das ist kein Vorwurf – so funktioniert unsere parlamentarische Demokratie. Aber vielleicht ist es gerade deshalb angebracht, sich daran zu erinnern, dass politische Ämter mit Verantwortung und Demut verbunden sind.
Mein Vorschlag wäre daher denkbar einfach:
Entschuldigen Sie sich öffentlich bei den Menschen im Gesundheitswesen.
Nicht, weil Kritik am Gesundheitssystem verboten wäre. Ganz im Gegenteil – Kritik ist notwendig.
Aber kritisieren Sie die Strukturen, die Fehlentwicklungen und die politische Verantwortung dafür. Beschimpfen Sie nicht diejenigen, die jeden Tag versuchen, die Folgen dieser Fehlentwicklungen aufzufangen.
Eine öffentliche Entschuldigung wäre kein Zeichen von Schwäche.
Im Gegenteil:
Sie wäre ein Zeichen von Größe, Charakter und Rückgrat.
Und vielleicht würden Sie damit sogar etwas erreichen, was in der Politik leider selten geworden ist:
Respekt.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Flinner