03/09/2026
sehr gut erklärt warum es dieses "all-in-one"-Mineralfutter nicht gibt und es fast unmöglich ist eine dauerhaft mangelhafte Grundhaltung und -ernährung von Pferden auszugleichen - und warum es durchaus Sinn macht lieber täglich kleine Mengen Unkräuter und natürliche Pflanzen zu füttern als synthetisch zu boostern...
So nachdem ich letzten Monat hauptsächlich das nachgeholt habe, was ich an Auswärtsterminen im Juni und Juli (dadurch dass sich meine Mitbewohnerin und Mitpferdehalterin Anfang Juni den Arm gebrochen hatte) aufschieben musste, starte ich in den September mit etwas was ich hier wohl schon länger mal grundlegend hätte erklären müssen.
Die Hintergründe darüber warum mir die natürliche Fütterung so wichtig ist und das nicht als persönliche Anekdoten und von denen habe ich auch noch ne Menge, denn einfach mit Überzeugung auf fachlicher Ebene schmeißt niemand seine ganze Lebensplanung für eine (zumindest für eine Tierärztin) so ungewöhnliche Ansicht einfach so um.
Aber jetzt die Hintergründe warum es zu dieser Erfahrung hatte kommen können.
Das Beste daran:
die Natur hat mir das beste Beispiel selbst geliefert was passiert, wenn die Schutzmechanismen der Naturstoffe nicht vorhanden sind. 😉
Daher also jetzt
Warum Weidegang (ohne entsprechende Giftpflanzenaufnahme) und Möhren keine Überdosis an (fettlöslichen) Vitaminen liefern, das Futter in der Krippe aber unter Umständen schon.
Vitamine zwischen Pflanze, Pferd und Zusatzstoffen – das Vorstufen-Prinzip der Natur als Sicherheitsventil und wie es heutzutage systematisch umgangen wird.
Es gibt eine Pflanze Goldhafer, die vornehmlich im Alpenraum vorkommt. An ihr sehen wir sehr gut was passiert, wenn dieses Sicherheitsventil umgangen wird, wie es eben auch bei den meisten als Zusatzstoffe dem Futter beigesetzten Vitaminen der Fall ist. Diese Pflanze heißt Goldhafer,sieht harmlos aus, und steht auf besten Bergwiesen. Aber Weidetiere, die über längere Zeit größere Mengen davon aufnehmen, entwickeln Verkalkungen in Gefäßen, Herz und Sehnen.
Enzootische Kalzinose nennt sich das Krankheitsbild, und es zeigt was eine massive Überversorgung mit aktivem Vitamin D anrichtet.
Denn der Goldhafer etwas tut liefert Vitamin D nicht wie in großen Mengen sicheren Futterpflanzen als Vorstufe, sondern als fertigen, aktiven Wirkstoff – als 1,25-Dihydroxyvitamin D, gebunden an Zuckerreste, die im Verdauungstrakt abgespalten werden. Er überspringt damit sämtliche Kontrollinstanzen, die der Organismus zwischen Angebot und Wirkung geschaltet hat.
Die Natur liefert uns hier, ganz ohne Studiendesign und Ethikkommission, ein Experiment:
Was passiert, wenn ein Vitamin an der körpereigenen Regelung vorbei ins Tier gelangt? Die Antwort steht (oder im schlimmsten Fall liegt) mit Verkalkungen auf der Weide.
Und hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, denn es erklärt ein Grundprinzip, das für die gesamte Vitaminversorgung des Pferdes gilt – und das in der Diskussion um vitaminisierte Kraft- und Ergänzungsfuttermittel erstaunlich selten vorkommt.
Die Natur liefert vor dem Sicherheitsventil an
Ein Pferd in naturnaher Haltung frisst 14 bis 16 Stunden am Tag. Es nimmt dabei kontinuierlich kleine Mengen auf – eingebettet in Pflanzenzellen, gebunden an Membranen, begleitet von hunderten sekundären Pflanzenstoffen. Was davon am Ende als aktives Vitamin im Gewebe ankommt, entscheidet nicht das Futter, es entscheidet das Pferd selbst.
Zwischen Futter und Wirkung sitzen nämlich körpereigene Kontrollpunkte:
-Umwandlungsenzyme mit Rückkopplung
-selektive Transportproteine
-sättigbare Aufnahmewege
-Aktivierungsschritte in Leber und Niere
Man kann sie sich als Ventile vorstellen. Der Organismus reguliert an diesen Ventilen selbst, wie viel er aus dem Angebot macht – je nach Speicherlage, Bedarf und Stoffwechselsituation.
Das Angebot der Pflanze ist ein Rohstofflager, doch die Bedarfsdeckung ist eine gezielt gesteuerte Entscheidung des Körpers.
Fast alle Vitamine erreichen das Pferd natürlicherweise vor diesen Ventilen:
als Vorstufe, als Stoffgemisch, in niedriger Konzentration, langsam über den Tag verteilt.
Ein isoliertes, konzentriertes Präparat bewirkt in vielen Fällen das Gegenteil:
Es liefert den Stoff in einer Form an, die das Ventil überspringt – und in einer Geschwindigkeit, für die keine Regulierung ausgelegt ist.
Das ist der fütterungsphysiologische Kern des Themas, der sich immer wieder bei den einzelnen Stoffen darlegen lässt.
Beispiel 1: Beta-Carotin – das doppelt gesicherte Ventil
Präformiertes Vitamin A kommt in einer pflanzlichen Ration schlicht nicht vor.
Das Pferd deckt seinen Bedarf über Beta-Carotin aus frischem Grün – die pflanzliche Vorstufe, aus der der Körper Vitamin A erst selber herstellt.
Diese Umwandlung sitzt im Darmepithel und ist gleich doppelt rückgekoppelt: Sind die Speicher (in Leber und Fettgewebe) gut gefüllt, drosselt der Organismus sowohl die Aufnahme des Carotins aus dem Darm als auch dessen enzymatische Spaltung.
Voller Speicher heißt: weniger Aufnahme UND weniger Umbau.
Beim Pferd kommt eine von Natur aus eher zurückhaltende Umwandlungsrate hinzu, d.h. von der theoretisch möglichen Vitamin-A-Ausbeute des Carotins wird nur ein Bruchteil realisiert.
Die Konsequenz: Eine Vitamin-A-Überversorgung über Gras ist praktisch nicht erzeugbar. Kein Pferd hat sich je an einer Weide eine Hypervitaminose A angefressen. Überschüssiges Carotin wird schlicht nicht verwertet – es passiert den Darm ungenutzt.
Synthetisches Vitamin A im Mineralfutter – meist Retinylacetat oder -palmitat – umgeht beide Kontrollpunkte vollständig. Es ist bereits fertiges Vitamin A, wird effizient aufgenommen und in der Leber eingelagert.
Die in der Literatur beschriebene Vitamin-A-Überversorgung des Pferdes mit ihren Folgen für den Knochenstoffwechsel existiert dementsprechend ausschließlich als Fütterungsphänomen aus konzentrierter Quelle. Die Vorstufe kennt dieses Problem nicht – weil das Ventil dazwischensitzt.
Beispiel 2: Vitamin D – das Naturexperiment zu Ende gedacht
Zurück zum Goldhafer.
Vorweg ein ehrliches Wort: Die Vitamin-D-Physiologie des Pferdes gehört zu den am schlechtesten verstandenen Kapiteln der Pferdeernährung – und sie ist erkennbar anders aufgebaut als beim Menschen.
Gesichert ist der allgemeine Bauplan der Wirbeltiere:
Vitamin D muss zwei Aktivierungsschritte durchlaufen, einen in der Leber, einen in der Niere, und erst der streng regulierte Nierenschritt – gekoppelt an Calciumhaushalt und Parathormon – erzeugt das aktive Hormon.
Die beteiligten Enzyme und Rezeptoren wurden auch in der Pferdeniere nachgewiesen.
Das Ventil existiert also und es sitzt weit hinten in der Kette und besonders fest.
Ungewöhnlich ist beim Pferd die Zulieferung davor.
Neuere Messungen mit moderner Analytik zeigen:
Bei unsupplementierten Weidepferden dominiert im Blut fast ausschließlich die pflanzliche D2-Form aus dem Aufwuchs, während die D3-Form, die andere Säugetiere unter Sonnenlicht in der Haut bilden, kaum nachweisbar ist. Die Hautsynthese scheint beim Pferd minimal oder gar nicht vorhanden zu sein.
Das Pferd bezieht sein Vitamin D also offenbar fast vollständig über das Futter, als pflanzliche Vorstufe, die den kompletten Aktivierungsweg noch vor sich hat.
Dazu fährt es insgesamt auffallend niedrige Vitamin-D-Blutspiegel, deutlich niedriger als die meisten anderen Spezies, und auch der Gehalt an Calcium im Blut wird weniger stark von Vitamin D gesteuert als bei anderen Tierarten, denn selbst eine experimentelle Überversorgung hebt das Blutcalcium bei ihnen nur mäßig an.
Wie dieses Sondersystem im Detail zusammenspielt, ist offen denn die pferdespezifische Forschung dazu ist erstaunlich dünn.
Sicher ist nur die Richtung:
Es ist auf knappe, langsam eintröpfelnde Zufuhr ausgelegt – nicht auf Fülle und schon gar nicht auf größere Bolusgaben.
Und nun liefern Goldhafer und seine exotischeren Verwandten den Gegenbeweis zur Probe:
Diese Pflanzen enthalten die fertige aktive Form – sie liefern diesen also hinter beiden Sicherheitsventilen an.
Das Ergebnis ist die enzootische Kalzinose, die für eine dieser Pflanzen auch beim Pferd dokumentiert ist.
Dieselbe Vitamin-D-Wirkung ist also unproblematisch, solange sie als regulierte Vorstufe ankommt, und wird zum Problem, sobald irgendetwas – ob Pflanze oder Futtereimer – die körpereigene Aktivierungskontrolle überspringt.
Der Goldhafer ist auf damit quasi das einzige mit präformiertem Vitamin D3 versehene Futtermittel, das die Natur für Pflanzenfresser je auf den Markt gebracht hat. Es wurde aus gutem Grund nicht zum Verkaufsschlager.
Beispiel 3: Vitamin E – ein Sortierprotein trifft auf acht Isomere
Frisches Gras liefert Vitamin E in genau einer Form: als natürliches RRR-alpha-Tocopherol, membrangebunden in den Chloroplasten, begleitet vom übrigen Tocopherol-Spektrum der Pflanze und – praktischerweise – gleich mit den Blattlipiden als Fettträger für die Aufnahme. Verteilt über die gesamte Fresszeit ergibt das Mikrodosen in langsamer Daueraufnahme.
Das Ventil sitzt hier in der Leber. Alle aufgenommenen Vitamin-E-Formen landen zunächst dort, doch nur das was ein spezialisiertes Transferprotein auswählt, wird in Lipide verpackt und an den Körper ausgeliefert. Der Rest geht in den Abbau. Und diese Auswahl bevorzugt klar die natürliche RRR-Form.
Synthetisches Vitamin E (all-rac-alpha-Tocopherylacetat) besteht dagegen aus acht räumlichen Varianten des Moleküls, von denen nur eine der natürlichen Form entspricht. Der Rest wird vom Sortierprotein benachteiligt und daher bevorzugt abgebaut und ausgeschieden. Eine Stoffwechselarbeit ohne Ertrag, die nebenbei über die Leber läuft und diese zusätzlich belastet.
Beim Pferd ist dieser Formunterschied direkt gemessen worden: Natürliches RRR-alpha-Tocopherol in gut verfügbarer Form hebt die Blutspiegel deutlich schneller und stärker an als synthetisches Acetat-Pulver. Die gängigen Bedarfstabellen rechnen trotzdem bis heute in internationalen Einheiten, als wäre Vitamin E gleich Vitamin E.
Und auch eine Kehrseite der isolierten Hochdosis ist ebenfalls dokumentiert:
Sehr viel alpha-Tocopherol verdrängt andere Tocopherole aus Plasma und Gewebe und kann beim Pferd die auch Aufnahme von Beta-Carotin beeinträchtigen.
Die konzentrierte Monosubstanz erzeugt also sogar noch größere Lücken bei der Versorgung mit ihren ursprünglichen natürlichen Begleitstoffen. Und da bei sind es genau diese, die eigentlich ihre Wirkung so modulieren, dass der erwünschte gesundheitfördernde Effekt entsteht.
Fehlen diese so öffnet es die Türen für verschiedene überschießende Wirkungen, die über Wirkungen im Zellstoffwechsel den gesamten Organismus beeinträchtigen können.
Und die B-Vitamine? Die kommen gar nicht aus dem Futter
Für B-Vitamine und Vitamin K gilt bei Pferden mit funktionierendem Mikrobiom eine noch grundsätzlichere Besonderheit:
Sie stammen überwiegend nicht aus dem Futter, sondern aus der kontinuierlichen mikrobiellen Synthese im Dickdarm.
Vitamin C stellt die Leber des Pferdes selbst her, benötigt hierfür aber auch Vorstufen aus dem Darm und ausreichend Leberkapazität.
Die "Vorstufe" ist hier das Substrat der Darmflora – strukturreiches Raufutter – und das Ventil ist das mikrobielle Ökosystem selbst, das nach eigenem Bedarf produziert. Ein fütterungsbedingter Mangel an Vitamin B12 oder Vitamin K ist beim gesunden Pferd in der Literatur praktisch nicht beschrieben.
Das verschiebt die Perspektive: Wer die B-Vitamin-Versorgung eines Pferdes fütterungsseitig unterstützen möchte, setzt sinnvollerweise eine Ebene höher an. Bei der Raufutterqualität, Struktur und den Bedingungen, unter denen das Mikrobiom in Bund- und Dickdarm arbeitet.
Die isolierte Substanz kann was das angeht sogar hinderlich sein.
Der Zeitfaktor: viele winzige Portionen gegen eine große
All diesen Bespielen übergeordnet ist noch ein Faktor, der leicht übersehen wird: die Geschwindigkeit.
Sättigbare Transportwege und Rückkopplungsschleifen funktionieren nur bei dem einwandfrei, wofür sie eigentlich entstanden sind:
einem kontinuierlichen, niedrigen Substratstrom, dem Modus des Dauerfressers.
Ein Weidepferd nimmt seine Tagesdosis Vitamin E kontinuierlich in vielen kleinen Portionen auf. Der Futtereimer liefert die Tagesmenge oft auf einen Schlag oder höchstens auf zwei bis drei Gaben aufgeteilt
Konzentrationsspitzen aus einer solchen Bolusgabe sättigen Transporter, verschieben die Aufnahme teilweise auf ungeregelte Wege und überfahren Rückkopplungen, die auf Stunden ausgelegt sind, nicht auf Minuten.
Es ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Landregen und Wolkenbruch: Die Wassermenge mag identisch sein, ader Boden kann nur mit einer von beiden etwas anfangen und die andere kann in ihrer Konzentration Schade anrichten.
Was daraus folgt
Nichts davon ist ein Argument gegen jede Ergänzung – aber auch keines dafür, aus fehlendem Weidegang reflexhaft die Notwendgkeit der isolierten Substitution abzuleiten.
Zwei Posten schmelzen über den Winter tatsächlich ab: Vitamin E und Beta-Carotin, denn beide sind im gelagerten Heu nicht stabil.
Diese Lücke ist allerdings kein modernes Novum, sondern ein uraltes saisonales Phänomen, und die Fütterung hatte lange vor der ersten isolierten Substanz ihre Antworten darauf: beim Carotin die klassische Wintermöhre – die das Carotin obendrein als Vorstufe vor dem Ventil liefert, das Prinzip dieses Artikels in Wurzelform , beim Vitamin E frisch geschnittenes Grünfutter, blattreiches Heu der laufenden Ernte und keimhaltige Komponenten wie Hafer und Weizenkeime; nicht zufällig wurde Vitamin E 1936 ausgerechnet aus Weizenkeimöl erstmals isoliert.
Dazu kommt der Speichereffekt dieser fettlöslichen Vitamine:
Die Grünsaison füllt Gewebespeicher, die über Monate tragen.
Kritisch wird es erst am Ende einer langen Verzichtskette, ganzjährig kein frisches Grün, kein Saftfutter, überlagertes Heu, und das unter Umständen über Jahre.
Genau dort häufen sich auch historisch die mit Vitamin-E-Mangel assoziierten Erkrankungen.
Erst wenn diese fütterungsseitigen Wege ausgeschöpft sind, stellt sich die Frage der Ergänzung – und dann nach dem Prinzip dieses Artikels: möglichst nah an der natürlichen Form und Formulierung, möglichst als Vorstufe (Beta-Carotin statt Retinylester), möglichst verteilt statt als Bolus. Und beim Vitamin E lässt sich vorab sogar messen statt vermuten: Der Serumwert ist Laborroutine – die Probe gehört lichtgeschützt und gekühlt ins Labor, sonst diagnostiziert man einen Mangel, den der Postweg erzeugt hat.
Die Pferdefütterung hat Jahrmillionen Entwicklungszeit hinter sich, in denen jedes Vitamin als Vorstufe, im Gemisch und in kleinen Mengen über einen größeren Zeitraum aufgenommen im Körper ankam.
Die konzentrierte Einzelsubstanz im Eimer gibt es seit etwa siebzig Jahren.
Um zu wissen was passiert, wenn die natürlichen Sicherheitssysteme durch diese Art der Fütterung umgangen werden muss man keine Studie abwarten.
Die Natur hat den Versuch längst gemacht. Er steht auf der Bergwiese und heißt Goldhafer.