13/06/2026
Ich habe am Dienstag für mich einen ziemlich großen Meilenstein erlebt und wollte euch davon erzählen.
Ich war mit einem Kollegen im Phantasialand. Eigentlich wollte ich den Ausflug ursprünglich mit meinem Ex machen, aber nachdem daraus nichts geworden ist, brauchte ich jemanden anderen, der mich einen Tag lang aushält. 😄 Vorher habe ich ihn eingeweiht, dass ich seit etwa 11 Jahren nicht mehr im Phantasialand und überhaupt in keiner Achterbahn mehr war. Der Grund war simpel: Mein letzter Besuch war ziemlich unangenehm. Damals war ich für viele Fahrgeschäfte zu schwer oder es wurde zumindest sehr eng. Teilweise mussten Mitarbeiter die Bügel mit viel Kraft herunterdrücken, damit sie überhaupt eingerastet sind. Das sind Erfahrungen, die man nicht vergisst.
Die erste Überraschung kam tatsächlich schon direkt am Anfang bei einem Kinderkarussell. Ich war damals auch auf diesem Karussell und erinnere mich noch daran, wie unwohl ich mich gefühlt habe. Nicht, weil das Aufsteigen so schwierig gewesen wäre, sondern weil ich ständig Angst hatte, dass irgendetwas unter meinem Gewicht nachgibt oder dass ich irgendwie auffalle. Diesmal bin ich einfach auf eines dieser etwas wackeligen Karussellpferde geklettert und erst hinterher ist mir aufgefallen, dass ich überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet hatte. Ich bin einfach aufgestiegen und losgefahren. Das klingt vermutlich total albern, aber für mich war das schon der erste Moment, in dem mir klar wurde, dass sich etwas verändert hat.
Richtig deutlich wurde es dann an der Black Mamba. Ich wollte vorsichtshalber in den Probesitz und der Mitarbeiter schaute mich an und fragte ernsthaft: „Warum?“ Als ich sagte, dass ich testen möchte, ob ich reinpasse, bekam ich nur ein ziemlich irritiertes „Ja?“ zurück. In dem Moment wurde mir klar, dass niemand außer mir überhaupt auf die Idee kam, dass das ein Problem sein könnte.
Und tatsächlich war es keins. Ich habe einfach überall reingepasst. Ohne Diskussionen, ohne Sorgen, ohne unangenehme Situationen. Auch in den Gondeln, in denen man sehr eng nebeneinander sitzt, war plötzlich genug Platz. Das klingt vielleicht komisch, aber wer einmal erlebt hat, ständig darüber nachdenken zu müssen, wie viel Raum man einnimmt, weiß wahrscheinlich, was ich meine.
Am krassesten - nicht nur heute - ist für mich bei der ganzen Sachen aber etwas anderes: man ist unauffällig und bewegt sich fast unsichtbar im Alltag bzw. man hat genau dazu die Wahl. Niemand hat geguckt, niemand hat mich gemustert, niemand hat sich für mein Gewicht interessiert. Dabei bin ich immer noch deutlich übergewichtig. Und natürlich will ich mir da auch nichts schönreden: Es gibt leider eine individuelle, imaginäre Grenze, ab der Menschen wegen ihres Gewichts auffallen und anders behandelt werden. Das lässt sich nicht wegdiskutieren und ist eine Realität, die viele Menschen mit Adipositas erleben. Und das ist nicht richtig. Trotzdem glaube ich inzwischen, dass das eigene Gefühl dabei eine riesige Rolle spielt. Wenn man jahrelang überzeugt ist, dass alle einen beobachten, nimmt man die Welt ganz anders wahr und sucht ständig nach entsprechenden Signalen. Und irgendwann stellt man fest, dass die meisten Menschen viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind und dass man manches auch deshalb anders wahrnimmt, weil man selbst nicht mehr permanent darauf fokussiert ist.
Einen etwas unangenehmen Moment gab es dann trotzdem. Bei F.L.Y. war ich wegen meines Chemo-Ports unsicher, ob Bügel und Gurtsystem ungünstig verlaufen könnten. Die Mitarbeiterin konnte mir das nicht sicher beantworten und bot an, dass wir kurz testen. Also durfte ich noch vor dem regulären Einstieg an den wartenden Gästen vorbei nach vorne gehen und mich, begleitet von zwei Mitarbeitern, einmal in den Sitz setzen. Gemeinsam haben wir geschaut, ob der Gurt problemlos über den Port verläuft. Mir war das in dem Moment unfassbar peinlich, weil mein erster Gedanke natürlich war, dass jetzt alle denken, ich würde wegen meines Gewichts probesitzen. Stattdessen haben die Leute einfach freundlich gewartet und gelächelt. Erst später wurde mir klar, dass die meisten wahrscheinlich gesehen hatten, dass es um meinen Port ging.
Was mich aber fast genauso stolz macht wie die Achterbahnen: Wir sind an diesem Tag über 20.000 Schritte gelaufen und gefühlt unendlich viele Treppen gestiegen. Ja, ich war abends komplett erledigt. Aber ich konnte es machen. Und dabei spielt nicht nur die Gewichtsabnahme eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass ich mich nach meiner Krebserkrankung wieder zurück ins Leben gekämpft habe und meine Neuropathie meistens gut im Griff habe.
Im Nachhinein ist mir noch etwas anderes bewusst geworden. Vor 11 Jahren hätte ich so einen Ausflug wahrscheinlich gar nicht mit einem Kollegen gemacht. Ich hätte niemals offen erzählt, warum ich nervös bin oder welche Sorgen ich habe. Ich hätte versucht, das Thema zu verstecken und möglichst so zu tun, als wäre alles normal. Dass ich das heute anders kann, hat sicher auch damit zu tun, dass ich mich durch meine Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Adipositas viel intensiver mit dem Thema beschäftigt habe. Dadurch habe ich viele Vorurteile und viel Scham, die ich selbst verinnerlicht hatte, Stück für Stück abbauen können.
Trotzdem braucht es dafür auch die richtigen Menschen. Mein Kollege hat aus der ganzen Sache nie ein Thema gemacht, nichts bewertet und mir einfach das Gefühl gegeben, dass alles völlig normal ist. Und ich glaube, genau deshalb konnte ich diesen Tag auch so genießen.
Für viele Menschen war das wahrscheinlich einfach ein Tag im Freizeitpark. Für mich war es die Erkenntnis, wie viel sich in den letzten Jahren verändert hat. Nicht nur auf der Waage, sondern auch im Kopf.
Sylvia Czarnecki