24/03/2020
Unterbrechung als Zen-Praxis
Den folgenden Text habe ich heute an unsere Zen-Meditations-Gruppe gesendet. Hier ist er für euch alle.
Seid herzlich gegrüßt und bleibt in diesen Tagen gut behütet
Stefan
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Liebe Freundinnen und Freude auf dem Weg!
Heute, am Dienstag, 24. März 2020, fällt das zweite Mal unsere regelmäßige Dienstagabend-Meditation aus. Heute wäre der erste ganze Tag unseres Sesshin in Himmelpfort, das ich wegen der Corona-Pandemie absagen musste. Es sind jetzt also etwa 10 Tage, seitdem die Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Virus in unser Leben und in unsere täglichen Abläufe eingreifen.
Was hat sich verändert? Äußerlich, weil wir uns nicht mehr frei bewegen? Weil unsere Erwerbstätigkeit sich verändert hat? Weil die Schulen und Kitas geschlossen sind? Weil wir jetzt vermehrt in unserer Wohnung sind – mit oder ohne Partner oder Familie?
Wie werden wir durch diese neuen Umstände verändert? Was macht das, was uns geschieht, mit uns? Was für Sorgen machen wir uns? Was für Ängste werden ausgelöst? Welche Gefühle steigen hoch? Einsamkeit? Langeweile? Isolierung? Verunsicherung? Überforderung? Vielleicht sogar Wut oder andere überraschende Stimmungen?
Ich denke, in dieser Situation ist es gut, sich zu unterbrechen. Für manche ist das, was gerade passiert sowieso eine Unterbrechung: Wir werden durch die besonderen Umstände in unserer Lebensroutine unterbrochen. Für manchen ist das deutlicher, weil plötzlich viel Zeit da ist, weil z. B. die Erwerbstätigkeit im Moment nicht oder nicht im gewohnten Umfang möglich ist. Für die meisten von uns wird das so sein: Unsere Lebensroutine ist unterbrochen, durch die angeordneten Maßnahmen.
Sonst sind wir es gewohnt, die Unterbrechung in unserer eigenen Kontrolle zu haben, wenn wir z. B. Urlaub machen oder auch, wenn wir meditieren. Jetzt ist Kontrolle nicht möglich und wir werden unterbrochen. Wir können versuchen, das als Chance zu nehmen: die Unterbrechung ermöglicht es uns, auf das, was unterbrochen wurde, nun aus einer anderen Perspektive zu schauen. Wir sind aus dem herausgetreten, in dem wir involviert waren und haben nun die Möglichkeit aus einer Distanz auf das, was unser Leben bisher ausmachte, zu schauen. In und durch die Unterbrechung haben wir die Möglichkeit den Geist, der nirgends anhaftet, hervortreten zu lassen.
Das ist normalerweise unsere Grundhaltung in der Meditation: In der Offenheit des Sitzens zeigen sich die Phänomene im freien Fluss und idealerweise nehmen wir sie einfach wahr und verzichten auf Bewertungen. Und wir können natürlich diese Haltung der Offenheit auch in unserem Alltag einnehmen.
In der Unterbrechung jedenfalls beginnt uns das, mit dem wir gerade noch so hautnah verbunden waren, überhaupt erst bewusst zu werden. Jetzt entsteht die Möglichkeit, unsere unmittelbare Reaktion auf die Umstände wahrzunehmen und in den Blick zu bekommen. Was machen diese Umstände mit mir? Was löst das aus in mir: Die Einschränkungen und Veränderungen? Wie reagiere ich darauf? Was das auch im Einzelnen bei jedem seien mag: Im Wahrnehmen habe ich die Möglichkeit zu sehen, wie ich reagiere und funktioniere. Wir fangen an uns besser zu verstehen und lernen uns kennen. Können wir uns annehmen in dem, was wir bei uns wahrnehmen?
Oft genug allerdings melden sich Stimmen, die uns sagen: Du solltest aber besser anders sein! Da meldet sich vielleicht angesichts der Umstände Verunsicherung oder sogar Existenzangst. Können wir dies einfach wahrnehmen, unsere Angst? Oder meldet sich da gleich eine andere Seite von uns, die diese Angst und Unsicherheit gar nicht wahrhaben möchte? Eine innere Stimme, die gleich beschwichtigt und das entstehende Gefühl abdeckelt? Oder es meldet sich die Angst, die Angst hat vor der Angst und daher sofortige Flucht vorschlägt?
Wie geht es uns mit diesen Stimmen oder auch anderen inneren Kommentaren und Bewertungen? Können wir uns hier an dieser Stelle auch noch einmal unterbrechen? Können wir zurücktreten und die Dynamik der inneren Impulse, der unterschiedlichen Seiten von uns, die miteinander sprechen oder auch miteinander streiten, wahrnehmen? Können wir uns annehmen in dem, wie wir uns jetzt wahrnehmen? Können wir uns einfach so seien lassen, wie wir sind? Oder meldet sich schnell eine Stimme in uns, die genau weiß, wie ich seien soll? Kommen gleich Maßnahmen und Impulse, die uns verändern wollen? Die die Kontrolle wiederherstellen wollen? Die die inneren Dialoge oder die Zerrissenheit schnell weghaben möchten? Und wenn ich solche Impulse habe und schon am Eingreifen bin, kann ich mich dann noch einmal unterbrechen lassen? Kann ich noch einmal in die Offenheit eintreten, in der alles vollständig ok ist, genau so, wie es jetzt ist?
In der Lehre des Buddha ist die Unterbrechung die Ermöglichung der Befreiung. Im traditionellen Buddhismus soll der Kreislauf der Wiedergeburten unterbrochen werden, so dass sich der Weg eröffnet, in die Befreiung einzutreten. Befreiung hier verstanden als Unterbrechung des Zusammenhangs, der zu einer neuen Wiedergeburt führt. Alle noch wirksamen Impulse verwehen im Nirvana. Stille entsteht. Ich verstehe dies als eine mythologische Redeweise, deren Relevanz wir allerdings existenziell in unserer Meditation und unseren Lebensvollzügen erfahren können: In den oft genug als quälend und leidvoll erlebten Kreisläufen unserer inneren Aktivitäten, in denen wir in Reaktionsketten auf unsere inneren Zustände, Stimmungen und Befindlichkeiten gefangen sind. Wo ein innerer Impuls die Reaktion eines anderen auslöst, wodurch wiederum ein Gefühl ausgelöst wird, auf das wiederum eine Reaktion erfolgt … . Unterbrechung ist die Ermöglichung der Befreiung. Und in und durch die Unterbrechung haben wir die Möglichkeit, Freiheit zu aktualisieren.
Soviel für heute. Kommt gut durch diese Tage.
Die Tore des Dharma sind ohne Zahl. Ich gelobe in jedes einzutreten.
Jeder Moment ist für uns eine Möglichkeit die Befreiung zu realisieren.
Gassho
Stefan