01/09/2026
Ich bin Nutznießerin.
Zumindest hat Bundeskanzler Bundeskanzler Friedrich Merz Merz meine Kollegin Dr. med. Maria Bea Merscher Alves | Kinderärztin | Mama² | MPH im Gespräch bei RTL als „Nutznießerin“ unseres Gesundheitssystems bezeichnet.
Ein Wort, an dem ich hängen geblieben bin.
Denn ein Nutznießer ist laut Duden jemand, der einen Vorteil aus etwas zieht, was ein anderer erarbeitet hat. Als Synonyme werden u. a. Schmarotzer und Parasit genannt.
Okay.
Dann schauen wir doch einmal auf einen ganz gewöhnlichen Tag einer solchen „Nutznießerin“.
6:00 Uhr. Der Wecker klingelt.
Ab in die Praxis.
Sprechstunde. Patienten behandeln, Befunde anschauen, Entscheidungen treffen, Gespräche führen, Bürokratie erledigen und Menschen einschieben, die akut Hilfe brauchen.
17:30 Uhr. Praxis zu.
Direkt weiter zum Elternabend ins Gymnasium.
Auf dem Rückweg klingelt mein Telefon.
Denn mein Arbeitstag ist noch nicht vorbei.
Ich habe Bereitschaftsdienst.
Also weiter in die Bereitschaftsdienstpraxis. Noch einmal Patienten behandeln.
21:00 Uhr. Zu Hause.
15 Stunden nach dem Aufstehen.
Als „Nutznießerin“ dieses Systems.
Und jetzt kommt der Teil, den viele vermutlich gar nicht wissen:
Der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst ist keine freiwillige Zusatzbeschäftigung. Wir Vertragsärztinnen und Vertragsärzte sind zur Teilnahme verpflichtet.
Und wir finanzieren die Strukturen dieses Bereitschaftsdienstes über Abgaben auch noch selbst mit.
Das Geld dafür wird von unserem Honorar einbehalten.
Wir leisten also nicht nur den Dienst. Wir bezahlen auch noch mit dafür.
Und gleichzeitig wird über weitere Einsparungen in der ambulanten Versorgung diskutiert.
Und dann höre ich:
„Nutznießerin.“
Deshalb frage ich mich nach meinem gestrigen Tag tatsächlich:
Wo genau liegt eigentlich mein Nutzen?
Vielleicht sollte die politische Debatte weniger darum gehen, wer angeblich von diesem System „profitiert“.
Und mehr darum, wer es jeden einzelnen Tag am Laufen hält.
Ich bin Ärztin.
Ich behandle Menschen.
Ich trage Verantwortung.
Ich halte Versorgung mit aufrecht.
Aber eines bin ich ganz sicher nicht:
Schmarotzerin dieses Systems.