04/09/2026
MIRAYA & PETER
Als die Maschinen laufen lernten
Peter und Miraya saßen in einem Café.
Draußen fuhr ein kleines Fahrzeug über den Bürgersteig.
Es hatte sechs Räder, einen weißen Kasten als Körper und oben eine kleine Fahne.
Miraya sah ihm nach.
„Was war das?“
„Ein Roboter.“
„Was macht er?“
„Er bringt Essen.“
Miraya blickte auf Peters Teller.
„Menschen können kein Essen mehr tragen?“
Peter lachte.
„Doch. Aber der Roboter kann es auch.“
Miraya dachte darüber nach.
„Aha.“
Ein paar Minuten später fuhr ein zweiter vorbei.
„Und der?“
„Auch ein Roboter.“
„Was macht der?“
„Liefert wahrscheinlich Einkäufe.“
Miraya sah Peter an.
„Ihr baut Maschinen, damit sie Dinge von einem Menschen zu einem anderen Menschen bringen?“
„Unter anderem.“
„Warum bringt der Mensch sie nicht selbst?“
„Weil es schneller ist. Billiger. Bequemer.“
Miraya nickte langsam.
„Bequem ist auf der Erde ein wichtiges Wort.“
Peter grinste.
„Sehr wichtig.“
Sie gingen weiter.
Peter zeigte Miraya auf seinem Handy Bilder aus anderen Ländern.
Roboter in Fabriken.
Roboter in Krankenhäusern.
Roboter in Hotels.
Roboter in Restaurants.
Maschinen, die Pakete transportierten.
Maschinen, die Böden reinigten.
Roboterhunde, die Treppen steigen konnten.
Humanoide Roboter, die liefen, Gegenstände trugen und mit Menschen sprachen.
Miraya wurde still.
„Sie kommen überall hin.“
„Fast.“
„In eure Häuser?“
„Ja.“
„In eure Schlafzimmer?“
Peter zögerte.
„Theoretisch auch.“
„In Krankenhäuser?“
„Natürlich.“
„Zu alten Menschen?“
„Ja.“
„Zu Kindern?“
„Auch.“
Miraya blieb stehen.
„Dann gibt es keinen Lebensraum des Menschen, den sie nicht betreten können.“
Peter steckte das Handy ein.
„So könnte man es sagen.“
Sie liefen schweigend weiter.
Nach einer Weile fragte Miraya:
„Sind sie lebendig?“
„Nein.“
„Denken sie?“
„Das ist kompliziert.“
„Fühlen sie?“
„Nein.“
„Wissen sie, dass sie existieren?“
Peter überlegte.
„Soweit wir wissen, nicht.“
Miraya sah wieder zu dem kleinen Lieferroboter, der inzwischen an einer Ampel wartete.
„Und trotzdem lasst ihr sie immer näher an euer Leben.“
„Sie können uns helfen.“
„Das sehe ich.“
Miraya lächelte.
„Auf Akryptus lieben wir Werkzeuge.“
„Ihr habt Roboter?“
„Wir haben Maschinen.“
„Was ist der Unterschied?“
„Nicht die Maschine.“
Peter runzelte die Stirn.
„Sondern?“
Miraya tippte ihm mit einem Finger auf die Brust.
„Der Mensch.“
Peter verdrehte die Augen.
„Jetzt wird es wieder akryptisch.“
„Überhaupt nicht.“
Sie gingen weiter.
„Eine Maschine kann dir das Essen bringen“, sagte Miraya.
„Ja.“
„Sie kann deine Wohnung reinigen.“
„Ja.“
„Sie kann deinen Körper überwachen.“
„Ja.“
„Vielleicht wird sie dich irgendwann waschen, anziehen und ins Bett bringen.“
Peter nickte.
„Das gibt es teilweise schon.“
Miraya blieb erneut stehen.
„Dann muss der Mensch sehr genau wissen, was er niemals abgeben möchte.“
Peter schwieg.
Vor ihnen schob eine Mutter einen Kinderwagen.
Ein alter Mann saß auf einer Bank und fütterte Tauben.
Zwei Jugendliche lachten miteinander.
Ein Hund zog an seiner Leine.
Und irgendwo zwischen ihnen bewegte sich wieder diese kleine Maschine über den Bürgersteig.
„Was würdest du nicht abgeben?“, fragte Miraya.
Peter dachte lange nach.
„Vielleicht die wichtigen Dinge.“
„Welche sind wichtig?“
„Jemanden trösten.“
Miraya nickte.
„Ein Kind halten.“
Sie nickte wieder.
„Jemandem zuhören.“
„Weiter.“
„Einen Menschen berühren.“
Miraya lächelte.
„Weiter.“
Peter sah sie an.
„Lieben.“
Miraya sagte nichts.
Der kleine Roboter rollte an ihnen vorbei.
Peter schaute ihm hinterher.
„Aber vielleicht können Maschinen irgendwann sogar so tun, als würden sie lieben.“
„Bestimmt“, sagte Miraya.
„Und wenn man den Unterschied nicht mehr merkt?“
Miraya sah Peter lange an.
Dann nahm sie seine Hand.
„Dann wird der Unterschied wichtiger als je zuvor.“
Peter sah auf ihre beiden Hände.
Warm.
Unperfekt.
Lebendig.
„Vielleicht“, sagte Miraya, „ist die eigentliche Frage gar nicht, wie menschlich eure Roboter werden.“
„Sondern?“
Miraya lächelte.
„Wie menschlich ihr Menschen bleiben wollt.“