14/02/2026
Tabletten, Tabletten, Tabletten
Manchmal frage ich mich wirklich, wann wir angefangen haben zu glauben, dass mehr automatisch
besser ist. Mehr Technik. Mehr Eingriffe. Mehr Medikamente.
Ich sehe das anders. Je weniger Tabletten ein Mensch braucht, desto besser geht es ihm meist.
Vor kurzem begegnet mir ein 82-jähriger Mann wieder. Eigentlich sollte er ein neues Hüftgelenk bekommen, denn die Hüfte schmerzt seit Jahren. Der Orthopäde sieht nur noch diese eine Lösung.
Doch bei der Routineuntersuchung vor der Operation zeigt sich, dass mit dem Herzen etwas nicht stimmt. Also erst einmal Herzoperation. Drei Stents werden gesetzt.
Die Operation verläuft gut. Körperlich erholt er sich erstaunlich schnell. Vorher war er ein wacher, humorvoller Mann. Zwei Blutdrucktabletten nahm er seit Jahren, mehr nicht. Er war fit, beweglich, gut gelaunt. Das Sofa diente höchstens für ein kurzes Mittagsschläfchen.
Einige Wochen nach der Herzoperation kommt seine Frau zu mir. Sie ist seit Jahren Patientin. Sie wirkt besorgt.
„Er ist nicht mehr derselbe“, sagt sie leise.
Er hat kaum noch Appetit. Er schläft ständig ein. Nach dem Frühstück setzt er sich aufs Sofa und nickt weg. Nach dem Mittagessen wieder. Gespräche strengen ihn an. Er wirkt müde, schwer, fast wie ausgewechselt.
Der Grund liegt schnell auf dem Tisch – im wahrsten Sinne des Wortes.
Sein Medikamentenplan ist inzwischen mehrere Seiten lang.
Vier verschiedene Blutdrucksenker. Zwei Blutverdünner. Zwei Tabletten gegen Diabetes – obwohl er nie Diabetes hatte. Eine Wassertablette. Ein Cholesterinsenker. Pantoprazol als „Magenschutz“.
Ein Opiat gegen die Schmerzen. Dazu regelmäßig Ibuprofen.
Dreizehn Tabletten täglich. Vorher waren es zwei.
Der Mann verbringt einen großen Teil seines Tages damit, diese Medikamente zu sortieren und pünktlich einzunehmen. Er hat Angst, etwas zu verwechseln. Er fühlt sich abhängig von einem
Plan, den er selbst nicht mehr durchblickt.
Und während er alles gewissenhaft einnimmt, wird er
müder, kraftloser, leiser.
Ich frage mich: Wie kann es sein, dass ein Mensch operiert wird, um stabiler zu werden – und ist danach schwächer ist als zuvor?
Warum bekommt er Medikamente für Erkrankungen, die nie bestanden? Warum wird ein gut eingestellter Blutdruck plötzlich mit vier Präparaten behandelt?
Warum ein Opiat, wenn er die Hüftschmerzen jahrelang mit Schonung ertragen konnte?
Ich rate ihm, seinen Hausarzt zu fragen, ob wirklich alles notwendig ist.
Die Antwort kenne ich. Und wahrscheinlich kennen Sie sie auch.
Manchmal beginnt Krankheit nicht mit einem Defekt im Körper, sondern mit einer Spirale, die niemand mehr hinterfragt.