Ambulante Ethikberatung Berlin

Ambulante Ethikberatung Berlin Berater für Ethik im Gesundheitswesen

TransparenzhinweisDiese Beitragsreihe entsteht in privater Verantwortung. Ich bin weder Mitarbeiter des öffentlich-recht...
05/09/2026

Transparenzhinweis

Diese Beitragsreihe entsteht in privater Verantwortung. Ich bin weder Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch recherchiere oder veröffentliche ich in dessen Auftrag.

Als inhaltliche Primärquelle habe ich ausschließlich das von der AfD Sachsen-Anhalt veröffentlichte Regierungsprogramm zur Landtagswahl 2026 verwendet. Die dargestellten Forderungen stammen aus diesem Programm.

Die Reihe dient ausschließlich der politischen Aufklärung und Meinungsbildung. Ihr Ziel ist es, nicht über Wahlkampfslogans, sondern über die konkreten Vorhaben, Prioritäten und Folgen einer AfD-Regierung zu sprechen. Sämtliche zugrunde gelegten Forderungen sollen anhand des veröffentlichten Wahlprogramms überprüfbar bleiben.

Da sich ja besonders der Afd-Abgeordnete Herr   als Befürworter von Immanuel   sieht und Vergleiche seiner Politik mit K...
30/08/2026

Da sich ja besonders der Afd-Abgeordnete Herr als Befürworter von Immanuel sieht und Vergleiche seiner Politik mit Kants Philosophie zieht sollten wir und besonders Fans und auch Abgeordnete der genauer hinschauen...

Aus Kants Sicht liegt der zentrale Konflikt mit Tillschneider und der AfD dort, wo Menschen nicht mehr primär als autonome Individuen, sondern als Angehörige ethnischer, kultureller oder religiöser Gruppen betrachtet werden.

Kants berühmte Forderung lautet sinngemäß: Jeder Mensch ist immer als Zweck an sich zu behandeln, niemals bloß als Mittel. Genau daran muss sich auch Politik messen lassen.

Bei Tillschneider und der AfD Sachsen-Anhalt steht dagegen immer wieder ein ethnokulturelles Verständnis von Volk im Mittelpunkt. Menschen werden danach unterschieden, ob ihre , oder zur gewünschten nationalen Identität passt. Kantisch ist das problematisch, weil Menschenwürde nicht davon abhängt, ob jemand zur kulturellen Mehrheit gehört.

Noch deutlicher wird es mit dem kategorischen Imperativ: Eine politische Regel ist nur dann moralisch vertretbar, wenn man vernünftigerweise wollen kann, dass sie allgemein gilt.

Nimmt man etwa die Maxime:

„Ein Staat darf Menschen politisch zurücksetzen, weil ihre Kultur oder Herkunft nicht zur Mehrheitsgesellschaft passt.“

Dann müsste Tillschneider akzeptieren, dass dasselbe Prinzip überall gilt – also auch gegenüber Deutschen, die in anderen Ländern kulturelle Minderheiten darstellen. Wenn eine Regel nur akzeptabel erscheint, solange die eigene Gruppe davon profitiert, besteht sie Kants Universalisierungstest nicht.

Auch die AfD-Forderung nach stärkerer gesellschaftlicher Homogenität gerät damit in einen Konflikt mit Kant. Kant denkt politische Ordnung grundsätzlich von freien Rechtssubjekten aus. Die AfD Sachsen-Anhalt argumentiert dagegen häufig vom „Volk“ oder von kultureller Zugehörigkeit aus und entscheidet anschließend, wer vollständig dazugehört.

Der philosophische Gegensatz lässt sich daher ziemlich klar formulieren:

Kant: Der Mensch besitzt Würde, bevor er irgendeiner Nation, Religion oder Kultur angehört.

Tillschneider und die völkische AfD: Die Zugehörigkeit zu Volk und Kultur entscheidet wesentlich darüber, welchen Platz ein Mensch in der politischen Gemeinschaft haben soll.

Auch Tillschneiders Russland-Positionen werfen aus kantischer Perspektive Fragen auf. Kant versucht in „Zum ewigen Frieden“, internationale Politik unter Recht zu stellen. Kriegsgewalt darf nicht einfach durch nationale Interessen relativiert werden. Wo mögliche Kriegsverbrechen bagatellisiert oder autoritäre Staaten mit anderen Maßstäben beurteilt werden als politische Gegner, kollidiert das mit Kants Forderung nach allgemein gültigen moralischen Regeln.

Besonders interessant ist deshalb die Frage, die man Tillschneider selbst stellen könnte:

"Herr Tillschneider, würden Sie wollen, dass jedes Land der Welt mit deutschen Minderheiten genauso umgeht, wie die AfD mit Menschen umgehen möchte, die sie als kulturell fremd betrachtet?"

Wenn nicht, wäre das ausgerechnet nach Kant ein ziemlich grundlegendes moralisches Problem.

AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt Björn Höcke DER SPIEGELCDU Berlin AfDBild

30/08/2026

Niklas Lotz: Journalist – oder politischer Verkäufer mit Kamera?

Niklas Lotz nennt sich „freier Journalist“. Kann er machen. Der Begriff ist nicht geschützt. Aber wer sich Journalist nennt, muss sich dann auch an journalistischen Maßstäben messen lassen – und nicht nur dann, wenn es gerade gut fürs eigene Image ist.

Bei „Neverforgetniki“ sieht Journalismus häufig so aus: „ “, „ “, „ “, „ “. Aus einer Umfrage wird schon mal ein politischer Zusammenbruch, aus rund 40 Prozent -Zustimmung rhetorisch der „Wille der Mehrheit“. Mehrere seiner Behauptungen wurden in der Vergangenheit von Faktencheckern als falsch oder irreführend eingeordnet.

Das Problem ist nicht, dass Lotz rechts ist. Journalisten dürfen politische Überzeugungen haben. Das Problem beginnt dort, wo Nachricht, Meinung, und Geschäft kaum noch auseinanderzuhalten sind.

Denn während Lotz ausgesprochen freundlich über die AfD berichtet, sind zugleich bezahlte Influencer-Kooperationen mit AfD-Strukturen dokumentiert. Teilweise kennzeichnet er diese immerhin als Werbung. Trotzdem bleibt eine ziemlich einfache Frage: Wie unabhängig ist ein „Journalist“, wenn eine Partei, über die er regelmäßig positiv berichtet, gleichzeitig sein Auftraggeber ist?

Auch mit dem Strafrecht hatte Lotz bereits Berührung. Nach einer Äußerung über Ricarda Lang wurde er wegen des Verdachts der Beleidigung als Beschuldigter vernommen. Eine rechtskräftige Verurteilung ist damit ausdrücklich nicht belegt. Ebenso wenig gibt es derzeit einen belastbaren Nachweis für Steuerhinterziehung oder Spendenbetrug.

Seine Spendenkampagnen darf man trotzdem hinterfragen. Lotz erzählt regelmäßig von Angriffen, Bedrohung und wirtschaftlicher Existenzgefahr – und bittet anschließend seine um Geld. Gleichzeitig existieren weitere Einnahmequellen: , Medienaufträge, politische Kooperationen und Unterstützerzahlungen.

Betrug ist das nicht automatisch. Moralisch interessant wird es trotzdem: Wer seinen Zuschauern erzählt, seine Existenz werde gerade „vernichtet“, sollte vielleicht auch erklären können, wie groß der tatsächliche Schaden überhaupt ist.

Journalismus lebt von Vertrauen. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Quellenprüfung und die Trennung von Nachricht und Eigeninteresse.

Wer dagegen gleichzeitig Kommentator, politischer Aktivist, Werbepartner einer Partei und Spendensammler ist, sollte sich nicht wundern, wenn Menschen irgendwann fragen:

Bin ich hier eigentlich Zuschauer von Journalismus – oder Kunde eines politischen Geschäftsmodells?


AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag

30/08/2026
Kleiner Reminder...
28/08/2026

Kleiner Reminder...

26/08/2026

Der Fall des Rostocker Oberarztes beschäftigt mich nicht nur als Krankenpfleger, sondern besonders als klinischer Ethikberater.

Ein Arzt, Palliativmediziner und Oberarzt schreibt öffentlich Dinge wie „Remigrieren oder kremieren“, spricht von „Heizmasse“, „Lagern“ und Gewalt gegen Menschen.

Das Entscheidende ist für mich nicht nur, wie widerlich diese Aussagen sind. Sondern dass jemand offenbar glaubte, man könne so inzwischen wieder öffentlich reden.

Und genau da beginnt die politische Verantwortung.

Nein, die AfD hat diese Sätze nicht geschrieben. Aber sie arbeitet seit Jahren daran, Begriffe wie „Remigration“, Ausgrenzung und die Einteilung von Menschen in „zugehörig“ und „nicht zugehörig“ gesellschaftsfähig zu machen.

Sprache verändert Grenzen.

Was gestern noch als menschenverachtend galt, wird heute als „harte Meinung“ verkauft. Morgen wundert man sich dann über einen Arzt, der glaubt, „remigrieren oder kremieren“ sei ein normaler politischer Satz.

Im Krankenhaus bekommt diese Entwicklung eine ganz andere Dimension.

Ein Patient muss darauf vertrauen können, dass sein Arzt ihn als gleichwertigen Menschen behandelt. Egal ob er Müller, Mohammed oder Kowalski heißt. Gerade auf einer Palliativstation gibt es kaum eine größere Machtposition als die eines Arztes gegenüber einem schwerkranken oder sterbenden Menschen.

Deshalb muss jetzt auch geprüft werden, ob es Hinweise auf Benachteiligungen von Patienten gab. Nicht als Vorverurteilung, sondern aus Verantwortung.

Und wir sollten auch an unsere Kollegen denken.

Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten jeden Tag als Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten in unseren Kliniken und Pflegeheimen. Sie übernehmen Nachtdienste, versorgen Schwerkranke und halten ein System am Laufen, das ohne sie längst zusammenbrechen würde.

Es ist schon ziemlich grotesk, Menschen aus dem Ausland als Fachkräfte anzuwerben und gleichzeitig politisch ständig darüber zu reden, wer wirklich zu Deutschland gehört.

Menschenwürde geht selten plötzlich verloren.

Sie wird erst sprachlich relativiert. Dann politisch diskutiert. Und irgendwann hält jemand Entmenschlichung für eine normale Meinung.

Genau deshalb ist Rostock nicht nur ein Fall über einen einzelnen Arzt.

Es ist auch eine Warnung davor, was passiert, wenn Politik die moralischen Grenzen einer Gesellschaft immer weiter verschiebt.

Am Krankenbett darf es diese Grenze nicht geben.

Da liegt kein Migrant.

Da liegt ein Mensch.

Die Verschiebung der NormalitätUlrich Siegmund, politische Macht, politische Milieus und die Frage, wann Demokratie ihre...
16/08/2026

Die Verschiebung der Normalität

Ulrich Siegmund, politische Macht, politische Milieus und die Frage, wann Demokratie ihre Grenzen erreicht

Politische Systeme verändern sich selten abrupt. Der Alltag bleibt gleich: Menschen stehen auf, der Kaffee schmeckt wie gestern, Straßenbahnen fahren, Parlamente und Gerichte arbeiten weiter. Und doch kann sich etwas verschieben. Begriffe werden normaler, Grenzen unschärfer, das Außergewöhnliche verliert seine Fremdheit. Menschen gewöhnen sich an fast alles – eine Fähigkeit, die politisch ambivalent ist.

Ulrich Siegmund lässt sich vor diesem Hintergrund betrachten: nicht als historische Kopie oder Dämon, sondern als Politiker, dessen Kommunikationsstil in eine Zeit passt, in der Vertrauen und Aufmerksamkeit knapp sind. In Sachsen-Anhalt lag die AfD laut Infratest dimap Ende Juli 2026 bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent. Umfragen sind keine Wahlergebnisse, zeigen aber Kräfteverhältnisse kurz vor einer Wahl. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Siegmund sympathisch ist, sondern warum er funktioniert.

Der Erfolg der Normalität

Siegmunds Kommunikation wirkt nicht extrem, sondern gegenwärtig: kurze Videos, Alltagssprache, Nähe, Wiedererkennbarkeit. Der Politiker erscheint als Person, nicht nur als Funktionsträger. Dadurch verändert sich das Verhältnis zwischen Politik und Publikum. Während früher Medien als Vermittler zwischen Politik und Bevölkerung standen, kann heute ein Politiker selbst Produzent und Verbreiter seiner Botschaften sein. Algorithmen verstärken diese Dynamik.

Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt weist darauf hin, dass AfD-Funktionsträger soziale Medien intensiv nutzen. Das ist weder per se gut noch schlecht, aber wirksam. Denn digitale Kommunikation bevorzugt einfache, schnelle Erzählungen gegenüber komplexen Zusammenhängen. Politischer Erfolg entsteht oft dort, wo komplexe Realität in verständliche Geschichten übersetzt wird.

Gefühl und Tatsache

Menschen leben zugleich in statistischen und emotionalen Wirklichkeiten. Zahlen zu Arbeitslosigkeit, Migration oder Wirtschaft stehen subjektiven Erfahrungen wie Unsicherheit, Angst oder Zugehörigkeit gegenüber. Beide Ebenen sind real, aber nicht identisch. Gefühle sind keine Beweise, und Statistiken ersetzen keine Erfahrung.

Politik vermittelt zwischen diesen Ebenen: Gefühle werden benannt, Ursachen zugeordnet, Verantwortliche identifiziert. Dadurch wird die Welt einfacher und überschaubarer.

Wer ist „wir“?

Politik beginnt mit Unterscheidungen: Staatsbürger und Nichtstaatsbürger, Erwachsene und Kinder, Straftäter und Nichtstraftäter. Entscheidend ist nicht die Unterscheidung selbst, sondern ihr Kriterium.

Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den AfD-Landesverband seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein und begründet dies unter anderem mit einem ethnisch-abstammungsmäßigen Volksverständnis, das mit der Menschenwürde und dem Demokratieprinzip unvereinbar sei. Dies ist eine behördliche Bewertung, kein Parteiverbot und keine Aussage über jeden Wähler.

Ethisch relevant wird die Frage dort, wo Zugehörigkeit nicht mehr über Staatsbürgerschaft, sondern über Herkunft definiert wird. Das Grundgesetz setzt hier klare Grenzen: Menschenwürde, Demokratieprinzip und Ewigkeitsklausel schützen die Grundordnung vor Abschaffung.

Keine geheimen Hintermänner

Politische Milieus funktionieren selten konspirativ. Menschen kennen sich, teilen Begriffe, lesen ähnliche Texte, empfehlen einander. Das genügt oft für politische Wirkung.

Für die AfD Sachsen-Anhalt sind personelle Überschneidungen dokumentiert. Laut MDR wurde ein Mitarbeiter mit früheren Bezügen zu rechtsextremen Szenen auf Vorschlag Siegmunds eingestellt. Zudem arbeiten mehrere ehemalige Funktionäre der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend im Umfeld der Partei. Dies beweist keine geheime Struktur, beschreibt aber politische Personalentscheidungen.

Unvereinbarkeit und Realität

Die AfD führt eine Unvereinbarkeitsliste für Parteimitgliedschaften, auf der unter anderem die Identitäre Bewegung und „Der III. Weg“ stehen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Personen aus diesen Milieus dennoch im Umfeld der Partei tätig sein können.

Der entscheidende Punkt: Eine Unvereinbarkeitsliste regelt Parteimitgliedschaft, nicht alle beruflichen oder sozialen Kontakte. Zwischen formaler Abgrenzung und sozialer Realität entsteht ein Graubereich.

Der III. Weg

Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt ordnet „Der III. Weg“ dem parteigebundenen Neonazismus zu. Die Partei ist in mehreren Regionen aktiv und ideologisch völkisch-antipluralistisch geprägt.

Gleichzeitig existieren Zeugenaussagen und Aufnahmen, wonach Personen aus diesem Umfeld bei AfD-Wahlkampfständen präsent gewesen sein sollen. Diese Hinweise sind nicht abschließend verifiziert, deuten aber auf mögliche personelle Überschneidungen hin. Ein einzelnes Bild beweist keine Kooperation, kann aber Teil eines Musters sein.

Symbole, Gegenstände und Kontext

Berichte über verteilte blaue Gegenstände bei Wahlkampfständen lassen sich ohne gesicherte Belege nicht als Tatsache werten. Ein Vergleichsfall ist jedoch dokumentiert: Im brandenburgischen Wahlkampf wurden Kubotans als Wahlkampfmaterial eingesetzt. Dies zeigt, dass bestimmte Formen von Symbolik oder Gegenständen im politischen Kontext bereits vorkamen, ohne dass daraus direkte Schlüsse auf andere Fälle gezogen werden können.

Gewalt und politische Wahrnehmung

In sozialen Netzwerken finden sich Aussagen einzelner Nutzer, die Gewalt im politischen Kontext andeuten. Solche Aussagen sind nicht repräsentativ und dürfen nicht verallgemeinert werden. Dennoch stellt sich die Frage, ob wiederkehrende Narrative politische Entscheidungen beeinflussen können.

Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt sieht Hinweise darauf, dass Teile des AfD-Milieus die demokratische Ordnung als bedroht darstellen, was bei Anhängern die Vorstellung verstärken könne, dass Konflikte nicht mehr ausschließlich gewaltfrei lösbar seien. Auch dies ist eine behördliche Einschätzung.

Angst als politischer Faktor

Einzelne anonyme Berichte deuten darauf hin, dass Menschen aus Angst vor möglichen Ausschreitungen politische Entscheidungen treffen könnten. Dies ist nicht repräsentativ, wirft aber ethische Fragen auf: Wenn Angst Wahlentscheidungen beeinflusst, betrifft das Autonomie, Nichtschädigung und die Fairness demokratischer Prozesse.

Gewalt bleibt Gewalt

Gewalt ist unabhängig von ihrer Richtung ethisch problematisch. Sie verletzt das gleiche Prinzip, egal gegen wen sie sich richtet. Das moralische Problem liegt nicht in der politischen Zugehörigkeit des Opfers, sondern in der Verletzung des Menschen.

1933 als falscher Vergleich

Historische Vergleiche mit 1933 sind schnell gezogen, aber oft ungenau. Die NSDAP verfügte über paramilitärische Strukturen und nutzte systematische Gewalt zur Machtübernahme. Die Bundesrepublik besitzt dagegen stabile institutionelle Sicherungen: Gewaltenteilung, Grundrechte, föderale Struktur und die Ewigkeitsklausel.

Ein direkter Vergleich ist daher unzulässig. Dennoch lassen sich strukturelle Fragen stellen: Wie entstehen Machtverschiebungen innerhalb demokratischer Systeme?

Mechanismen statt Gleichsetzungen

Die NSDAP gelangte über Wahlen und institutionelle Prozesse an die Macht, bevor die Demokratie schrittweise ausgehöhlt wurde. Der Reichstagsbrand und das Ermächtigungsgesetz markierten zentrale Schritte dieser Entwicklung.

Der entscheidende Punkt ist nicht die Gleichsetzung, sondern die Erkenntnis: Demokratie hängt nicht nur von formalen Verfahren ab, sondern auch von ihren Bedingungen.

Gegenwart und Grenzen

Die Bundesrepublik ist durch das Grundgesetz stabiler geschützt als die Weimarer Republik. Eine Landesregierung könnte keine Verfassung abschaffen oder das politische System grundlegend verändern. Dennoch besitzt sie erhebliche Gestaltungsmacht in Verwaltung, Personalpolitik, Bildung und Sicherheit.

Macht im Alltag

Politische Macht zeigt sich nicht nur in großen Entscheidungen, sondern in alltäglichen Verwaltungsakten: Personalentscheidungen, Fördermittel, Behördenstrukturen, politische Prioritäten. Diese Ebene ist oft unspektakulär, aber wirksam.

Personal ist Politik

Die Zusammensetzung politischer Akteure ist entscheidend, weil Menschen ihre Erfahrungen, Netzwerke und Weltbilder in Institutionen einbringen. Der MDR dokumentiert entsprechende Personalentscheidungen im Umfeld der AfD Sachsen-Anhalt, die auf Vertrauen und politischer Nähe beruhen.

Organisation und Milieu

Organisationen haben Regeln, Milieus haben Netzwerke. Eine Satzung kann Mitgliedschaft regeln, aber keine sozialen Beziehungen verhindern. Deshalb kann formale Abgrenzung bestehen, während informelle Nähe weiterhin existiert.

Ethische Maßstäbe

Politische Bewertung lässt sich an grundlegenden Prinzipien orientieren: Menschenwürde, Autonomie, Gleichheit, Gerechtigkeit, Nichtschädigung und prozedurale Fairness. Diese Prinzipien ersetzen keine politischen Entscheidungen, bieten aber einen Rahmen zur Bewertung von Macht.

Warum Siegmund funktioniert

Siegmunds Erfolg liegt auch in der Vereinfachung komplexer Realität. Er bietet klare Erzählungen, Zugehörigkeit und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Diese Form der Kommunikation ist typisch für digitale Politik.

Angst und Demokratie

Angst ist kein verlässlicher politischer Kompass. Sie verzerrt Wahrnehmung und Entscheidungen. Eine mögliche Regierung ist nicht automatisch eine Bedrohung der Demokratie, aber sie wirft Fragen nach politischen Vorstellungen, Personalstrukturen und institutionellen Auswirkungen auf.

Was bleibt

Dokumentiert sind Einstufungen des Verfassungsschutzes, Personalentscheidungen im Umfeld der AfD, die Existenz von Unvereinbarkeitslisten sowie Aktivitäten rechtsextremer Gruppen in Sachsen-Anhalt. Teilweise gibt es zudem unbestätigte Berichte über Überschneidungen zwischen Milieus.

Diese Kategorien dürfen nicht vermischt werden. Genau darin liegt die Voraussetzung seriöser Analyse.

Die entscheidende Frage bleibt: Unter welchen Bedingungen bleibt politische Macht legitim – und was geschieht mit dem einzelnen Menschen, wenn politische Vorstellungen Realität werden?



Quellen

Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt (MI Sachsen-Anhalt)
Infratest dimap Sonntagsfrage Sachsen-Anhalt 2026
MDR Investigativ Berichte zu AfD Sachsen-Anhalt
Bundesverfassungsgericht / Grundgesetz (Art. 1, 20, 79)
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
US Holocaust Memorial Museum / Holocaust Encyclopedia
AfD Unvereinbarkeitsliste

AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag
AfD NRW
Die Linke Berlin
CDU Berlin
Tagesspiegel
DER SPIEGEL

17/01/2026

Wenn Friedrich Merz sagt, man könne das Arbeitszeitgesetz abschaffen, höre ich keinen
abstrakten Vorschlag. Ich höre das Piepen der Monitore um vier Uhr morgens. Ich sehe
Kolleginnen mit Tränen in den Augen, weil die elfte Stunde längst vorbei ist, der Körper
aber weiter funktionieren soll. Ich spüre im eigenen Rücken, was passiert, wenn Zeit kein
Schutz mehr ist, sondern Ware.
Philosophisch ist diese Idee ein alter Irrtum in neuem Gewand. Sie verwechselt Freiheit mit
Vertragsformeln. Ja, auf dem Papier verhandeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer. In der
Realität verhandelt der Markt mit dem Körper. Kant hätte gesagt: Der Mensch ist Zweck an
sich. Doch ohne gesetzliche Grenzen wird er wieder Mittel – Mittel zur
Gewinnmaximierung, zur Effizienzsteigerung, zur Kostensenkung. Freiheit ohne Schutz
kippt in Zwang, leise, unspektakulär, aber systematisch.
Als Pfleger weiß ich: Niemand verhandelt nach zwölf Stunden Nachtdienst frei. Niemand
sagt selbstbestimmt Nein, wenn der Dienstplan klafft und der Lohn kaum reicht.
Tarifverträge helfen – dort, wo es sie gibt. Aber viele von uns arbeiten ohne diesen Schutz.
In der Pflege, in der Logistik, in der Reinigung. Das Arbeitszeitgesetz ist oft das letzte
Bollwerk, das sagt: Bis hierhin – weiter nicht. Es schützt nicht vor Arbeit, sondern vor
Entgrenzung.
Antifaschistisch betrachtet wird es noch ernster. Faschismus beginnt nicht mit
Marschmusik. Er beginnt dort, wo Menschen müde gemacht werden. Wo sie keine Kraft
mehr haben, sich zu wehren, nachzudenken, solidarisch zu sein. Er gedeiht in
Erschöpfung, in Vereinzelung, in dem Gefühl, austauschbar zu sein. Wer Schutzrechte
abbaut, schwächt nicht nur Individuen, sondern das soziale Immunsystem einer
Gesellschaft.
In Berlin sehe ich täglich, was passiert, wenn Care-Arbeit ökonomisch ausgesaugt wird.
Patientinnen warten, Pfleger rennen, Fehler passieren. Nicht aus Unfähigkeit, sondern aus
Überlastung. Studien bestätigen, was wir längst wissen: Längere Arbeitszeiten machen
krank, sie machen Fehler wahrscheinlicher, sie töten nicht schnell, aber zuverlässig.
Produktivität steigt nicht, Leid schon.
Darum ist die Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes kein Fortschritt. Sie ist ein Rückfall.
Kein mutiger Schritt nach vorn, sondern ein höflich formulierter Schritt zurück in eine Zeit,
in der der Mensch sich dem Takt der Maschine anpasste. Als Pfleger sage ich: Das kostet
Gesundheit. Als Philosoph sage ich: Das kostet Würde. Als Antifaschist sage ich: Das
kostet Widerstandskraft.
Eine freie Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie flexibel sie Arbeit macht, sondern
daran, wie konsequent sie Menschen schützt. Zeit ist kein Luxus. Zeit ist Leben. Und
Leben gehört nicht verhandelt, sondern verteidigt.
Christian Riechert
Exam. Gesundheits- und Krankenpfleger
Praxisanleiter für Berufe im Gesundheitswesen
Berater für Ethik im Gesundheitswesen
Fachpflegeperson für Menschen im sog. Wachkoma (MCS/UWS)

Adresse

Berlin
Pankow
13127

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