04/06/2024
🌟 Stellungnahme zu Schlagzeilen über Tattoos und Krebsrisiken 🌟
📰 In den letzten Tagen kursieren Schlagzeilen, die den Leser*innen suggerieren, dass Tattoos Krebs verursachen, wie z.B. die Bild-Zeitung titelt: „Studie: Tätowierungen erhöhen Krebsrisiko um ein Fünftel“, NTV formuliert es besonnener: „Studie untersucht Zusammenhang: Tattoos könnten Krebsrisiko deutlich erhöhen“. Das führt zu großer Verunsicherung sowohl unter Tattoointeressierten als auch unter den Tätowierenden.
🔍 Wir als Bundesverband Tattoo e.V. möchten hiermit auf diese Nachrichtenmeldungen eingehen und die aktuellen Forschungsergebnisse sachlich erläutern. Grundlage ist die am 21. Mai im Lancet veröffentlichte Studie „Tattoos as a risk factor for malignant lymphoma: a population-based case–control study“ einer schwedischen Forschenden-Gruppe, hier öffentlich abzurufen: DOI: https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2024.102649
1️⃣ Worum geht es in der Studie:
Es wurde das Risiko für maligne Lymphome bei tätowierten Personen untersucht mit dem Hauptresultat, dass eventuell in dem Zeitraum bis zu 2 Jahre nach einer ersten Tätowierung ein 21% erhöhtes Lymphomrisiko in der Gruppe der 20-60-Jährigen besteht. Besonders betroffen waren diffuse großzellige B-Zell-Lymphome und follikuläre Lymphome.
2️⃣ Korrelation versus Kausalität:
Es ist für alle forschungsfremden Menschen wichtig zu betonen, dass die Studie lediglich eine Korrelation zwischen Tattoos und einem erhöhten Befund für maligne Lymphome festgestellt hat, nicht aber eine Kausalität. Eine Korrelation bedeutet, dass zwei Phänomene gleichzeitig auftreten, was jedoch nicht bedeutet, dass eines das andere verursacht!
Wenn eine Studie feststellen würde, dass in den Sommermonaten bei Eiscreme-Essenden die Wahrscheinlichkeit für Badeunfälle um 21% erhöht ist, würden dann Medien titeln „Eis essen lässt Menschen um ein Fünftel häufiger ertrinken!“? Verzehr von Eiscreme verursacht keine Badeunfälle; beide Ereignisse sind durch einen weiteren Faktor, die Jahreszeit, beeinflusst und stehen in keinem kausalen (=ursächlichen) Zusammenhang. Wissenschaft wird immer zuerst auf Korrelationen stoßen, auf bestimmte Phänomene, die gleichzeitig auftreten. Wesentlich ist dann die weitere Erforschung aller Zusammenhänge, um die tatsächlichen Kausalitäten zu klären und zu verstehen.
Die Forschenden der Schweden-Studie weisen selbst darauf hin, dass als nächstes mögliche kausale Zusammenhänge untersucht werden müssen. Wir als Bundesverband Tattoo e.V. sind für unsere Mitglieder gut in die Wissenschaft vernetzt, und daher sind wir Dr. Milena Foerster, Environment and Lifestyle Epidemiologin von der IARC (International Agency for Research on Cancer) dankbar dafür, dass sie uns direkt gebeten hat, diese Studie nicht vorschnell und emotional falsch zu interpretieren; es ist einfach weitere Forschung nötig. Theoretisch könne es sein, dass nach der Tätowierung durch die potentielle Verfügbarkeit löslicher Stoffe und/oder einer stark inflammatorischen Reaktion Tumore leichter entstehen könnten (das Gegenteil im Sinne eines Immuntrainings wäre auch plausibel), allerdings gäbe es einige Punkte, welche in dieser Studie von erheblichen Unsicherheiten behaftet sind.
Auch Prof. Dr. Jan G. Hengstler, Toxikologe am Leibnitz-Institut in Dortmund, erwähnt in dem Video des RTL-Beitrags: „Es wäre falsch, den Verbrauchern jetzt zu sagen: Wer tätowiert ist, bekommt zu 20% diese Lymphtumore. Man kann das nicht eindeutig sagen wegen der statistischen Unsicherheit. Es gibt einen großen Fehlerbereich, der die Möglichkeit einschließt, dass es gar keinen Effekt geben könnte.“
3️⃣ Einige der Unsicherheiten in der „Schweden-Studie“:
1.) Kurzfristige Exposition: Ein erhöhtes Risiko wurde nur für den Zeitraum innerhalb der ersten 0–2 Jahre nach dem ersten Tattoo festgestellt, nicht jedoch bei mehreren oder größeren Tattoos. Dies widerspricht der Erwartung, dass sich das Risiko mit jedem neuen Tattoo summiert.
2.) Unzureichende Angaben: Aussagen zur Farbe oder Fläche der Tattoos sind nicht valide, da diese im Fragebogen nicht ausreichend spezifiziert wurden.
3.) Zeitliche Diskrepanz: Da das Lymphomrisiko laut der Studie direkt nach dem Tätowieren am höchsten ist, müsste sich das Ergebnis auch in einem der Lymphoma-Neuerkrankungen in den letzten 10–15 Jahren in Schweden niederschlagen. Das tut es aber nicht.
4.) Selektionsverzerrung (Selection Bias): Die Antwortrate war bei den Lymphomfällen höher als bei den Kontrollen, genauso auch die Tattooprävalenz.
5.) Tattooentfernung: Innerhalb der Tätowierten ist insbesondere der Effekt von Tattooentfernungen sehr stark (ca. 3-fach erhöhtes Lymphoma-Risiko). Leider wurde Tattooentfernung nicht mit in die Hauptanalyse eingeschlossen.
6.) Unzureichende Kontrolle von Störfaktoren (Confounder): Die Analyse ist unzureichend adjustiert, d.h. dass nicht alle potentiell einflussreichen Faktoren in die Analyse eingegangen sind. Es fehlen zumindest HIV/Hepatitis und andere Infektionskrankheiten sowie der BMI.
4️⃣ Unsere Position:
Wir als Bundesverband Tattoo e.V. setzen uns für die Sicherheit im Tätowieren ein, es liegt im ureigensten Interesse der Tätowierenden, diesen Vorgang in allen Aspekten für unsere Kundschaft so sicher wie möglich zu gestalten. Dafür ist auch Forschungsarbeit wie diese Studie nötig, Erkenntnisgewinn ist immer ein Prozess in vielen kleinen Einzelschritten. Die Tattoo-Forschung bekommt immer mehr Bedeutung, wovon wir alle, Tätowierte und Tätowierende, nur profitieren können. Nur sollten die einzelnen Schritte besser kommuniziert werden, da Studien schnell fehlinterpretiert werden können. Gerne versuchen wir als Bundesverband Tattoo e.V. da als eine Art Übersetzer für unsere Mitglieder zu dienen.
Teilweise rein vorsorgliche Verbote oder Regulierungen, wie sie in der REACH-Verordnung zu Tattoofarben erst kürzlich umgesetzt und dabei die Stimmen aus Wissenschaft und Tattoowelt ignoriert wurden, dürfen nicht mehr vorkommen. Ein ergebnisoffener Austausch zwischen der Tattoowelt und unabhängiger Forschung ist für uns von höchster Bedeutung, wir können nur voneinander lernen. Ein aufgeklärter und besonnener Umgang mit dem Thema Tattoos ist der bessere Weg. Und mitmachen: Wenn wir einen wissenschaftlichen Aufruf teilen, bei dem Studien-Teilnehmende gesucht werden, bitte melden!
Mit freundlichen Grüßen,
Stefanie Lamm und Urban Slamal aus dem Vorstand des Bundesverband Tattoo e.V.
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