04/09/2020
Nein, das ist leider nicht ein Bild von meinem geliebten Lugano. Ich habe keine Bilder mehr von ihm. Aber es könnte eines von ihm sein. Dieses Pferd ähnelt ihm sehr.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich ihn zum ersten Mal sah. Meine Mutter beschloss als ich drei Jahre alt war, reiten zu lernen. Ich habe ein Bild vor Augen, wie Lugano an ihrem Zügel auf einer Anhöhe stand. Sein Fell leuchtete im Sonnenuntergang und er sah unsagbar wild, schön und magisch aus. Er war ein junger Trakehner- Hengst, wild, temperamentvoll und stolz. Gleichzeitig aber auch das sanfteste und liebevollste Wesen, das ich jemals kennengelernt habe. Er war mein bester Freund, mein Ein und Alles. Ihm vertraute ich alles an. Er gab mir seine Liebe, Geborgenheit und Sicherheit. Abends schlief ich oft in seiner Box ein und er wachte mit liebevollen Augen über meinen Schlaf. Für mich waren das die glücklichsten Erinnerungen meiner Kindheit. Die Einheit mit ihm und das Zusammensein mit all den anderen wunderbaren Wesen. Ich habe jedes einzelne von ihnen geliebt, hatte nie Angst vor ihnen, nicht einmal vor dem riesigen Scheckwallach oder dem wilden Araberhengst.
Aber es gab auch andere Erinnerungen aus diesem Stall, schmerzliche und traurige. Meine Seele schmerzte, wenn ich sah, dass diese wundervollen, freiheitsliebenden Pferde den ganzen Tag in Ständerhaltung gehalten wurden, abends und am Wochenende dann sportliche Hochleistung bringen mussten und nur im Sommer einige Stunden auf die Koppel durften, die mit Stacheldrahtzaun eingezäunt war. Ich verstand nicht, dass die Reitlehrer und auch mein Vater so grausam zu den Pferden waren, wenn sie die geforderte Leistung nicht erbringen konnten, sei es, weil sie einfach nicht verstanden, weil sie verängstigt waren oder weil sie nun mal nicht dazu geboren waren, talentierte Springpferde oder Dressurpferde zu sein. Schon damals fiel es mir leicht, mit ihnen zu kommunizieren, aber der Preis dafür war, dass ich ihre seelischen und körperlichen Schmerzen wahrnahm, als seien sie meine eigenen.
Nachdem meine Mutter schwerstkrank geworden war, verkauft mein Vater mein Pferd. Ich war neun Jahre alt. Mir brach das Herz, meine ganze Welt veränderte sich. Jahrelang sehnte ich mich nach Lugano, nach meinem besten Freund. Wenn meine Eltern mich fragten, was mein Geburtstagswunsch wäre, dann sagte ich immer nur, mein Pferd. Jahrelang konnte ich den Anblick von Pferden nicht mehr ertragen, weil es so weh tat. Gleichzeitig aber wusste ich, dass meiner Seele etwas fehlt. Die Pferde mit ihrer Reinheit, ihrer Liebe, ihrem edlen Wesen, ihrer Schönheit und ihrem sanften aber unbändigen Freiheitsdrang, sprechen meine Seele im Innersten an. Ich brauche den Kontakt mit ihnen, um ich selbst sein.
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