01/09/2026
Manchmal frage ich mich nicht mehr, wohin sich dieses Land entwickelt.
Ich frage mich vielmehr, wann wir aufgehört haben, den Menschen zum Maßstab unseres Handelns zu machen.
Wir sollen konsumieren, ersetzen, neu kaufen, weiter funktionieren.
Lebensmittel werden immer stärker verarbeitet, Kleidung wird unter Bedingungen hergestellt, die wir bei uns niemals akzeptieren würden, und viele Produkte scheinen längst nicht mehr dafür gemacht zu sein, lange zu halten.
Alles hat einen Preis.
Aber immer weniger Dinge haben noch einen Wert.
Und vielleicht ist genau das unser eigentliches Problem.
Denn irgendwann wurde nicht nur die Ware austauschbar – sondern auch der Mensch.
Gerade wir im Osten Deutschlands wissen, wie sich das anfühlt.
Wir haben erlebt, wie nach der Wiedervereinigung ganze Betriebe verschwanden, Berufsbiografien ihren bisherigen Wert verloren und Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet, aufgebaut und Verantwortung getragen hatten, plötzlich das Gefühl bekamen, ihr bisheriges Leben müsse ihnen erst erklärt und neu bewertet werden.
36 Jahre später ist vieles davon vergessen.
Aber nicht von denen, die es erlebt haben.
Und nun geraten auch dort Sicherheiten ins Wanken, wo man lange glaubte, sie seien selbstverständlich.
Manchmal werde ich gefragt:
„Franka, freust du dich darüber?
Du hast dabei so ein nachdenkliches Lächeln im Gesicht.“
Nein.
Ich freue mich nicht.
Der Absturz eines anderen macht den eigenen Verlust nicht kleiner.
Aber ich empfinde etwas anderes:
eine stille Form von Gerechtigkeit.
Nicht, weil ich jemandem Not wünsche.
Sondern weil vielleicht erst jetzt manche Menschen begreifen werden, was es bedeutet, wenn Gewissheiten verschwinden, Lebensleistungen plötzlich infrage gestellt werden und eine Welt, die sicher schien, innerhalb weniger Jahre eine völlig andere wird.
Vielleicht hätte man damals genauer zuhören sollen.
Vielleicht hätte man weniger darüber sprechen sollen, was die Menschen im Osten noch lernen müssten – und etwas mehr darüber, was man von ihnen hätte lernen können.
Denn wer schon einmal fast alles neu ordnen musste, entwickelt etwas Besonderes:
Improvisation.
Genügsamkeit.
Widerstandskraft.
Und die Gewissheit, dass ein Mensch auch dann weitergehen kann, wenn ihm die äußeren Sicherheiten genommen werden.
Darum schaue ich auf die kommenden Jahre nicht mit Schadenfreude.
Sondern mit großer Nachdenklichkeit.
Und mit einer einzigen Frage:
Wenn der Wohlstand nicht mehr trägt – wer trägt dann sich selbst?
Ich glaube, wir im Osten kennen die Antwort darauf ein wenig besser als viele andere.
Denn man kann einem Menschen vieles nehmen.
Aber wer gelernt hat, nach einem Zusammenbruch wieder aufzustehen, besitzt einen Reichtum, den keine Krise dieser Welt vernichten kann.
Bündnis LebenMV