06/07/2026
„DIE NARBE SIEHT GUT AUS“
Diesen Satz höre ich in meiner Praxis häufig, nachdem ein Hund operiert wurde. Gemeint ist meist: Die Haut ist geschlossen, die Narbe ist blass, es gibt keine Rötung, keine Schwellung und keine sichtbare Entzündung.
Das ist wichtig, aber es sagt wenig darüber aus, wie sich das Gewebe unter der Haut verhält.
Bei der Untersuchung zeigt sich nicht selten ein anderer Befund. Die Haut lässt sich neben der Narbe frei verschieben, direkt über einem Abschnitt kaum. Unter einer äußerlich feinen Narbe ist ein derber Strang tastbar. Der Hund toleriert senkrechten Druck, reagiert aber auf vorsichtigen seitlichen Hautzug. Ein Narbenende ist weich und beweglich, das andere deutlich fixiert.
Eine Operation durchtrennt nicht nur die sichtbare Haut. Je nach Eingriff werden Unterhaut, Bindegewebe, Faszien, Muskelhüllen oder weitere Gewebeschichten eröffnet, verschoben und wieder verschlossen. Kleine Gefäße und Nervenäste werden verletzt. Im Operationsgebiet entsteht eine Entzündungs- und Reparaturreaktion. Der Körper stabilisiert den Defekt mit neu gebildetem Gewebe, dessen Struktur nicht vollständig der ursprünglichen Gewebearchitektur entspricht.
Gewebeschichten, die sich vorher gegeneinander verschieben konnten, können schlechter gleiten. Zug wird anders weitergeleitet. Einzelne Bereiche werden fester, weniger elastisch oder gegenüber tieferen Schichten schlechter beweglich. Das muss äußerlich nicht sichtbar sein.
Deshalb gehört die Narbe in meiner Praxis zur Untersuchung. Ich beurteile nicht nur die sichtbare Linie, sondern das gesamte Operationsgebiet: Wie lässt sich die Haut verschieben? Gibt es Unterschiede zwischen Längs- und Querrichtung? Ist ein Abschnitt fixiert? Reagiert der Hund auf Druck anders als auf seitlichen Zug? Gibt es Verdickungen, Einziehungen oder deutliche Unterschiede zum umgebenden Gewebe?
Wenn sich ein auffälliger Befund zeigt und medizinische Gegenanzeigen ausgeschlossen sind, behandle ich Narben je nach Gewebezustand unter anderem manuell und mit therapeutischem Laser.
Der therapeutische Laser wirkt auf einer anderen Ebene. Bei der Photobiomodulation dringt rotes oder nahinfrarotes Licht in das Gewebe ein und trifft dort auf lichtempfindliche Zellbestandteile. Dadurch können sich Energieproduktion und Signalwege der Zellen verändern. Für geschädigtes oder im Umbau befindliches Gewebe ist das relevant: Entzündungsreaktionen, lokale Reparaturprozesse, Aktivität von Bindegewebszellen und Umbau der Gewebematrix können beeinflusst werden. Der Laser löst also keine Narbe auf. Er setzt einen dosierten biologischen Reiz, der die noch aktiven Zellen im Narben- und Randgewebe bei Reparatur- und Umbauprozessen beeinflussen kann.
Warum ist der mechanische Zustand einer Narbe biologisch relevant? Zellen reagieren auf ihre physikalische Umgebung. Sie registrieren Zug, Druck, Dehnung, Scherkräfte und die Steifigkeit des umgebenden Gewebes und übersetzen diese Reize in biologische Signale. Dieser Vorgang heißt Mechanotransduktion.
Für eine Zelle ist mechanischer Stress deshalb nicht nur Belastung. Er ist Information.
Wie weit diese Information reichen kann, zeigt aktuelle Grundlagenforschung. Die Zellbiologin Sara Wickström und ihr Team untersuchen den Einfluss mechanischer Kräfte auf Zellen. Eine 2025 in „Nature Cell Biology“ veröffentlichte Arbeit zeigt, dass mechanische und osmotische Signale den Zustand des Chromatins und Übergänge zwischen Zellzuständen beeinflussen können. Vereinfacht gesagt: Die physikalische Umgebung einer Zelle kann bis in Prozesse hineinwirken, die mit Genregulation und Zellverhalten verbunden sind.
Wenn ein Gewebe dauerhaft steifer ist, schlechter gleitet oder Zug anders verteilt, verändert sich die mechanische Umgebung der dortigen Zellen. Eine Narbe ist damit nicht nur ein sichtbarer Rest einer früheren Verletzung. Sie kann ein verändertes mechanisches Mikromilieu darstellen, auf das Zellen biologisch reagieren.
Die zugrunde liegende Forschung stammt aus der Human- und Grundlagenforschung. Sie wurde nicht an Operationsnarben von Hunden durchgeführt und beweist weder die Wirksamkeit einer bestimmten Narbenmassage noch eine epigenetische Wirkung der Laserbehandlung. Biologisch ableitbar ist jedoch der zentrale Mechanismus: Mechanische Gewebeverhältnisse können Zellverhalten beeinflussen, und diese Signalwirkung kann bis in die Regulation von Genaktivität reichen.
# # # Beispiel 1: Die Kastrationsnarbe
Eine Hündin wurde vor Monaten kastriert. Die Narbe ist schmal, blass und vollständig geschlossen. Die Halterin sagt: „Da ist alles gut verheilt.“
Bei der Untersuchung lässt sich die Haut oberhalb der Narbe frei verschieben. Über einem kaudalen Abschnitt ist die Querverschieblichkeit deutlich reduziert. Senkrechten Druck toleriert die Hündin, bei vorsichtigem seitlichem Zug dreht sie reproduzierbar den Kopf zur Hand und spannt die Bauchwand an.
Dieser Befund beweist nicht, dass die Narbe Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme oder eine Fehlhaltung verursacht. Er zeigt eine lokale mechanische Auffälligkeit mit reproduzierbarer Reaktion.
# # # Beispiel 2: Die Kaiserschnittnarbe
Die Halterin berichtet, ihre Hündin lasse sich am Bauch problemlos anfassen, werde aber beim Bürsten oder bei seitlichem Hautzug unruhig. Sichtbar ist an der alten Kaiserschnittnarbe nichts Auffälliges.
Bei der Palpation ist die eigentliche Narbenlinie weich. Ein Bereich daneben lässt sich gegenüber dem Untergrund jedoch deutlich schlechter verschieben. Das ist praxisrelevant, weil Gewebeumbau nicht an der sichtbaren Linie enden muss. Wer nur die Narbe selbst betrachtet, kann den auffälligen Bereich übersehen.
# # # Beispiel 3: Die Tumoroperationsnarbe
Nach Entfernung eines Hauttumors ist eine Narbe eingezogen und schlecht beweglich. Hier wäre es falsch, automatisch von einer „Verklebung“ auszugehen, die man wegmassieren könne.
Durch die Operation kann Gewebevolumen fehlen und die lokale Anatomie dauerhaft verändert sein. Zusätzlich müssen bei einem onkologischen Patienten neue Knoten, zunehmende Verhärtung oder Veränderungen des Operationsgebietes diagnostisch abgeklärt werden. Erst wenn pathologische Ursachen ausreichend ausgeschlossen sind, lässt sich beurteilen, ob überhaupt eine behandelbare mechanische Restriktion vorliegt.
Eine alte Operationsnarbe wird deshalb in meiner Praxis nicht allein nach ihrem Aussehen beurteilt. Entscheidend sind Verschieblichkeit in mehreren Richtungen, Gewebespannung, Verdickungen, Einziehungen, Reaktionen auf Druck und seitlichen Zug sowie der Übergang zum umgebenden Gewebe. Daraus ergibt sich, ob eine Behandlung sinnvoll ist und ob manuelle Mobilisation, Laserbehandlung oder eine Kombination infrage kommt.
Quellen:
McCreery KP et al. (2025): „Mechano-osmotic signals control chromatin state and fate transitions in pluripotent stem cells.“ Nature Cell Biology 27: 1757–1770. DOI: 10.1038/s41556-025-01767-x.
Dompe C et al. (2020): „Photobiomodulation—Underlying Mechanism and Clinical Applications.“ Journal of Clinical Medicine 9(6): 1724. DOI: 10.3390/jcm9061724.
Millis DL, Bergh A. (2023): „Laser Therapy.“ Systematische Übersicht zur Licht- und Lasertherapie bei Pferden, Hunden und Katzen. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice.
Hoisang S et al. (2021): „Assessment of wound area reduction on chronic wounds in dogs with photobiomodulation therapy: A randomized controlled clinical trial.“ Veterinary World 14: 2251–2259. DOI: 10.14202/vetworld.2021.2251-2259.
Lopes A et al. (2025): „The Effect of a Class IV Therapeutic LASER on Post-Surgical Wound Healing in Dogs and Cats.“ Klinische Untersuchung zur postoperativen Wundheilung.
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