04/09/2026
GUTE I NACHT I GESCHICHTE
Rüdiger und die goldenen Tage
Ein Abenteuer unserer Klinikmöwe Rüdiger, zum Vorlesen
Nun, das müsst ihr wissen: Der Spätsommer auf Rügen ist eine ganz eigene Angelegenheit.
Er ist nicht mehr der junge, laute, aufgeregte Sommer, der im Juni ankommt und so tut, als hätte er alle Zeit der Welt. Und er ist noch nicht der Herbst, der mit seinen bunten Blättern und seinem kühlen Atem schon um die Ecke wartet und weiß, dass er bald an der Reihe ist.
Der Spätsommer ist etwas dazwischen. Und wer weiß, wie man hinschauen muss, der erkennt, dass dieses Dazwischen das Schönste ist, was das Jahr zu bieten hat.
Rüdiger hatte es in diesem Jahr zum ersten Mal richtig bemerkt.
Es war an einem Morgen gewesen, ganz früh, als er auf seinem Dach saß und auf den Bodden schaute. Das Licht war anders. Nicht das harte, klare Licht des Hochsommers, das alles so scharf macht, dass man manchmal fast zu viel sieht. Sondern ein weiches, goldenes Licht, das die Dinge ein bisschen rundete, ein bisschen wärmer machte, ein bisschen so, als hätte jemand über alles ein ganz feines Tuch gelegt.
„Carlo“, sagte Rüdiger, „das Licht ist anders.“
„Ja“, sagte Carlo, der auf seinem Holzbalken an der Böschung lag. „Es ist August.“
„Was hat August mit dem Licht zu tun?“
„Alles“, sagte Carlo.
Rüdiger schaute noch einmal hin. Die Linden warfen längere Schatten als im Juli. Das Schilf am Bodden hatte eine andere Farbe, nicht mehr das satte Grün des Frühsommers, sondern ein warmeres, satteres, etwas müderes Grün, das Grün von etwas, das lange gelebt hat und zufrieden damit ist. Und die Luft, die sonst um diese Zeit noch schlief, roch schon ein bisschen nach Erde und nach Reife und nach dem, was kommt, wenn die Dinge ihren Höhepunkt überschritten haben und langsam, sehr gemächlich, anfangen, sich zu verabschieden.
Otto, der kleine Fischotter, kam den Boddenweg herauf und setzte sich ins Gras. Er trug den Ausdruck von jemandem, der gerade etwas Gutes gegessen hat und nun vollkommen mit der Welt im Reinen ist.
„Die Brombeeren fangen an zu reifen“, sagte er.
„Schon?“, fragte Rüdiger.
„Am Rand des Weges. Die ersten sind schon schwarz. Ich habe drei probiert.“
„Und?“
Otto dachte einen Moment nach, mit der Ernsthaftigkeit eines Otters, der Geschmacksfragen nicht leichtfertig beantwortet. „Süß“, sagte er dann. „Aber mit einem kleinen bisschen Melancholie drin.“
Carlo öffnete ein Auge. „Brombeeren schmecken nicht nach Melancholie.“
„Diese schon“, sagte Otto.
Rüdiger flog vom Dach hinunter und landete im Gras. Er schaute sich um. Und jetzt, wo er es wusste, sah er es überall. Das Gras war etwas trockener als im Juni, etwas goldener an den Spitzen. Die Schwalbenschwärme, die den ganzen Sommer über das Gelände gejagt hatten, wurden kleiner, die Vögel sammelten sich bereits, tuschelten miteinander, berieten. Die Kinder der Klinik, die im Juli noch bis zum letzten Licht draußen geblieben waren, kamen jetzt ein bisschen früher herein.
Und die Abende.
Die Abende waren das Schönste.
Denn der Spätsommerabend auf Rügen, der hatte eine Qualität, für die Rüdiger kein Wort kannte, aber die er mit jedem Sommer, den er erlebte, ein bisschen besser verstand. Das Licht wurde golden, dann orange, dann rosa, und das alles so langsam und so vollständig, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass es je dunkel werden würde. Die Luft war warm, aber nicht mehr heiß. Der Bodden lag still. Und irgendwo rief noch eine Amsel ihr letztes Lied, bevor auch sie sich für die Nacht entschied.
„Weißt du“, sagte Rüdiger, „was mir am Spätsommer am meisten gefällt?“
„Was?“, fragte Otto.
„Dass er sich Zeit lässt.“
Carlo öffnete jetzt beide Augen, was bedeutete, dass er der Meinung war, dass gleich etwas Wichtiges gesagt werden würde, und er dabei nicht schlafen wollte.
„Der Frühling“, fuhr Rüdiger fort, „kommt in einer Woche und ist schon wieder weg. Der Hochsommer brüllt und rennt und will überall gleichzeitig sein. Aber der Spätsommer“, er machte eine kleine Pause, „der nimmt sich Zeit. Der sagt: Es ist noch nicht vorbei. Es ist noch warm. Es ist noch hell. Genießt es noch ein bisschen.“
‚Das ist gut beobachtet“, sagte Carlo.
Das war, bei Carlo, ungefähr so viel wie stehende Ovationen.
Rüdiger schaute auf das Klinikgelände. Die Gäste saßen draußen, auf Bänken und auf Liegestühlen, mit dem Gesicht zur Abendsonne. Manche hatten die Augen geschlossen. Manche unterhielten sich leise. Und manche schauten einfach nur auf den Bodden, so wie man auf etwas schaut, das man sich merken will, weil man weiß, dass man es vermissen wird.
„Drei Wochen Kur“, sagte Otto leise, „und für viele ist es jetzt die letzte Woche.“
Rüdiger nickte. Er kannte das. Er hatte es so oft gesehen. Die ersten Tage, in denen alles neu war und ein bisschen fremd. Und dann die Mitte, in der man angekommen war und es sich eingerichtet hatte. Und dann die letzten Tage, in denen man merkte, dass man etwas bekommen hatte, und gleichzeitig merkte, dass man es bald wieder abgeben musste.
Das war vielleicht, dachte er, gar nicht so anders als der Spätsommer selbst.
„Carlo“, sagte er, „ist das traurig? Der Spätsommer, meine ich. Dass er endet.“
Carlo legte sich wieder hin und schloss die Augen, aber diesmal auf die Art, die bedeutete, dass er nachdachte, nicht schlief. „Traurig“, sagte er schließlich, „ist das falsche Wort. Das richtige Wort ist dankbar.“
„Dankbar?“
„Wer weiß, dass etwas endet, der weiß auch, was er hat. Das ist der Unterschied. Der Hochsommer denkt, er dauert ewig. Der Spätsommer weiß, dass er endlich ist. Und deshalb ist er schöner.“
Rüdiger dachte an die Gäste auf den Bänken. An die Kinder, die jetzt noch eine Runde über die Wiese liefen, obwohl sie eigentlich schon ins Bett sollten. An die Eltern, die ihnen nachschauten und dabei lächelten, dieses besondere Lächeln des Spätsommers, das ein bisschen Freude und ein bisschen Wehmut und ganz viel Dankbarkeit enthält.
Und er dachte, dass es vielleicht kein Zufall war, dass die schönsten Kuren die waren, bei denen man am letzten Tag noch ein bisschen länger auf der Bank saß und noch einmal auf den Bodden schaute, bevor man die Koffer packte.
Weil man dann wusste, was man gehabt hatte.
Die Sonne versank hinter Hiddensee. Das letzte Orange verschwand. Der Bodden wurde blau und dann dunkelblau und dann schwarz, und die ersten Sterne erschienen, zaghaft zunächst, dann mehr.
„Noch ein paar Wochen“, sagte Otto leise.
„Dann kommt der Herbst“, sagte Rüdiger.
„Und dann“, sagte Carlo, „freuen wir uns auf den nächsten Frühling.“
Rüdiger nickte. Das stimmte. So war das. Und trotzdem, noch war es Spätsommer. Noch waren die Abende warm. Noch dufteten die Linden, ein letztes Mal, bevor auch sie sich auf den Weg machten.
Er streckte die Flügel aus, einmal, zweimal, und legte sie wieder an.
Noch nicht. Noch nicht.
Gute Nacht, kleiner Rüdiger. Und gute Nacht, ihr Spätsommernächte. Ihr seid die schönsten, die es gibt. Weil man bei euch weiß, was man hat.
Idee & Storyboard Jens Meckel
Texterstellung mit KI-Unterstützung
BEWUSST. AOK-Klinik Rügen
BEWUSST. Begeisterung
BEWUSST. Like & Love